Freundschaft

Freunde und Kollegen

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Das ist für jeden anders: wo Freundschaft anfängt und wie weit Hilfe geht – oder umgekehrt. Zwei Geschichten darüber, wie Assistenz aussehen kann.

Bei Fatih Kan klingelt es ständig an der Tür. Immer mehr Freunde kommen an diesem Donnerstagabend vorbei. „Kann mal jemand aufmachen“, tönt es aus dem Badezimmer. Dort duscht gerade noch Fatih, 27. Sein bester Freund Hanny hilft ihm dabei. Fatih hat seit seiner Geburt die Glasknochenkrankheit, seine Knochen brechen schnell und sind nach mehreren Brüchen zum Teil schief zusammengewachsen. Er sitzt in einem Elektrorollstuhl und braucht Hilfe beim Duschen, Essen, Anziehen und auf der Toilette.

Fatih studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg und wohnt in einer Neubau-Wohnung in der Hamburger Hafencity. Im Wohnzimmer steht eine riesige graue Couch, auf der an diesem Abend mal zwei, mal fünf Freunde sitzen, quatschen und Fotos auf dem Handy angucken. An der Wand hängt ein Flachbildschirm, an den eine Playstation angeschlossen ist. Den Controller kann Fatih mit den Füßen bedienen. „Oft chillen wir einfach bei mir“, sagt er. Oder sie gehen feiern: Am liebsten tanzt Fatih zu Black Music. Auch Hanny hat er nach einer durchtanzten Nacht auf der Reeperbahn kennengelernt.

Wie ein Bruder
 

Heute Abend wollen sie noch in eine Cocktailbar gehen. Wie immer ist Fatihs Wohnung ihr Treffpunkt. „Nicki, kannst du mir die Haare glätten?“ fragt Fatih nach dem Duschen. Während Nicki mit dem Glätteisen hantiert, sucht Hanny ein Shirt für Fatih heraus, und Harun fegt die Küche. Zwei Freundinnen drehen eine Runde mit dem Hund. Für die Freunde ist das keine große Sache. „Man hängt sowieso mit Fatih ab, da kann man auch ein paar Aufgaben übernehmen“, sagt Harun. Aber nicht alle Freunde dürfen auch alles machen. Meistens ist es der 25-jährige Hanny Tesfay, der Fatih duscht und ins Bett hebt. Er weiß, wie groß die Verantwortung ist, die er in diesen Momenten trägt. „Hanny hat mein Leben in der Hand“, sagt Fatih, „Ich weiß, dass er die Situation ernst nimmt und ich ihm vertrauen kann“. Bei manchen Pflegern hatte er das Gefühl, nicht so gut aufgehoben zu sein. Bei Hanny schon. Der sagt: „Fatih ist wie ein Bruder für mich.“ Fatihs Mutter nennt er „Mama“, er gehört zur Familie.

Hanny ist gelernter Schlosser, hat früher auf dem Bau gearbeitet. Dass Fatih studiert, hat ihn motiviert, sein Abitur nachzuholen. Später will er auch studieren. Die meiste Zeit, die er nicht in der Schule sitzt, verbringt er mit Fatih, auch nachts und am Wochenende.

"Nane hat das schönste Lächeln"

Bei Hauke Müller-Fritsch und Nane Dewald ist die Zeit, die sie gemeinsam verbringen, ziemlich genau beziffert: 30 Stunden in der Woche arbeitet Nane als Betreuerin in der Wohngemeinschaft in Tonndorf bei Hamburg, in der Hauke lebt. Nane ist dort auch für andere Bewohner zuständig, aber jeden Freitag hat Hauke sie mindestens drei Stunden lang für sich. Er ist 27, hat das Down-Syndrom und ist großer Fan des FC Bayern – das zeigen seine Bettwäsche, Kissen oder der Duschvorhang mit dem Vereinswappen. „Bayern ist die beste Mannschaft der Welt!“, schwärmt Hauke.

"Dafür liebe ich meine Arbeit!"

Nane kennt er seit zwei Jahren. Sie interessiert sich nicht für Fußball. „Manchmal redet Hauke so viel über Bayern, dass ich es wirklich nicht mehr hören kann“, sagt die 27-Jährige und lacht. Aber das gehört für sie dazu. Als Bezugsbetreuerin hilft sie ihm, den Alltag zu organisieren und hat im Blick, was er braucht. Was ist Nane für ihn? Sieht er sie als Freundin, Kollegin, Helferin? „Nane ist meine Lieblingsbetreuerin. Die anderen mag ich auch, aber Nane hat das schönste Lächeln“, sagt Hauke. Ihr Verhältnis ist herzlich und professionell. Eigentlich kann Nane Job und Freizeit gut voneinander trennen. „Aber beim Einkaufen nach Feierabend erwische ich mich manchmal dabei, wie ich darüber nachdenke, was ich noch für Hauke mitbringen könnte“, erzählt Nane. Sie mag an ihm besonders, dass er sich für vieles interessiert und sie so viel mit ihm unternehmen kann. Zu zweit gehen sie ins Kino oder shoppen. Oft singt Hauke Nane seine Lieblingslieder vor. Seine Wünsche gehören für sie zur ihrem Job – Hauke steht im Mittelpunkt. Wenn Hauke sagt: „Ich würde gerne noch mehr Ausflüge machen“, heißt das für sie: „Das hängt von meinem Dienstplan ab“. In ihrer Dienstzeit muss sie auch Büroarbeit erledigen.

Auf den Plan für den Freitagabend freut sie sich deshalb umso mehr - es geht zum Schwarzlichtbowlen. Mit zwei Freunden und einem weiteren Betreuer heißt es: Jeder spielt gegen jeden. Hauke trifft auf Anhieb sieben Kegel, in der nächsten Runde acht. Nane hingegen wirft eine Kugel nach der anderen daneben. Als die Kellnerin zu ihrer Bahn kommt, bestellen beide alkoholfreies Weizen. „Ich lade dich ein, Nane!“, sagt Hauke. Er gewinnt die erste Runde mit 99 Punkten, Nane schafft nur 46. Laut feiert Hauke seinen Sieg und tanzt vor der Bahn. „Super, Hauke!“, freut sich Nane und schlägt ein. Für mich fühlt sich so ein Bowling-Abend nicht an wie Freizeit, sondern wie Arbeit. Aber dafür liebe ich meine Arbeit!“, sagt Nane. Von Weitem sieht die Gruppe aus wie eine Clique von Freunden, die sich an diesem Freitagabend amüsieren. Dass die beiden Betreuer unter ihnen gerade im Dienst sind, merkt man kaum.

Bock auf das gleiche Leben

In Fatihs Leben spielen Dienstzeiten keine große Rolle. Er könnte zwar rund um die Uhr einen Pflegedienst beschäftigen. Aber dafür ist er viel zu spontan. „Ich bin sowieso schon eingeschränkt, da will ich mich nicht auch noch nach Dienstzeiten richten müssen“, sagt er. Für sein Studium hat er eine bezahlte Assistenz, die ihn in die Uni begleitet. Daneben organisieren sich der Freundeskreis und Fatihs Verwandte so, dass immer jemand bei ihm ist. Hanny schläft oft bei Fatih in der Hafencity, weil auch nachts jemand da sein muss. Geld bekommt Hanny dafür nicht, er mache das nur aus Freundschaft, sagt er. „Echte Freunde helfen mir freiwillig“, sagt Fatih. Aber wenn einer von ihnen gerade keinen Job hätte, würde er ihn auch eine Zeitlang als Assistenten einstellen. „Wenn ich jemandem etwas zurückgeben kann, indem ich ihn dafür bezahle, freut mich das“, erklärt er. Dann wird Fatih vom Kumpel zum Arbeitgeber. Die Grenzen zwischen beruflicher und privater Unterstützung verschwimmen bei ihm immer wieder. Dadurch gewinnt er die Freiheit, die ihm so wichtig ist: „Ich will mein Leben so leben, wie ich Bock habe.“ Dank seiner Freunde kann er das – weil sie auf das gleiche Leben Bock haben.

Text: Kathrin Breer

Bilder: Isadora Tast

Info: Assistenz

Der Spielfilm „Ziemlich beste Freunde“ hat das Thema „Assistenz“ ziemlich bekannt gemacht: Assistentinnen und Assistenten unterstützen Menschen mit Behinderung bei der Arbeit, in der Schule, zu Hause (zum Beispiel im Haushalt), bei der Pflege oder in der Freizeit. Nach Angaben der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e. V. (ISL) gibt es in Deutschland bisher nur rund 3.000 Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mit Behinderung, die persönliche Assistenten eingestellt haben. Darüber hinaus gibt es aber noch weitere Modelle, wie unterstützt wird: über Vereine, Pflegedienste, ehrenamtliche Helfer oder aber die Freunde und die Familie.

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