Ausreißen? Was tun, wenn's Zuhause zu viel wird?

Schlagworte:
Perspektivwechsel,
Gender

Die goldene Regel: drüber reden. Mit wem? Dazu haben wir mit Experten gesprochen und ein paar Tipps gesammelt.

© nicolasberlin / photocase.de

Wohin? Manchmal ist man innerlich zerissen, wenn es gerade überall hakt. Das wichtigste in solchen Situationen: sich nicht verbuddeln oder sogar einfach abhauen, sondern sich Unterstützung suchen.

Wenn du das Gefühl hast, dir fällt zu Hause die Decke auf den Kopf, dir geht alles auf die Nerven und am liebsten willst du raus, dann: Denk dran, dass du nicht alleine bist mit deinen Sorgen. Weglaufen ist nicht gleich die beste Idee, denn draußen auf der Straße ist das Leben auch ganz schön hart. Aber klar, es gibt auch Situationen, in denen das Zuhause nicht mehr der Ort der Sicherheit und Geborgenheit ist, der er eigentlich sein sollte. Zum Beispiel in Familien, in denen Kinder körperliche oder seelische Gewalt erfahren. Was also tun?

Lass dich beraten!

Was auch immer dich bedrückt, am besten wendest du dich an jemanden, dem du vertraust und mit dem du darüber sprechen kannst. Und selbst, wenn dir so ein Jemand gar nicht einfällt – es gibt immer Menschen, die sich mit brenzligen Situationen auskennen und helfen können. Jörg Richert ist so ein Mensch. Er ist Geschäftsführer von Karuna, einem Berliner Verein, der sich für Straßenkinder und Jugendliche in Not einsetzt. Schon vielen jungen Leuten haben er und seine Mitarbeiter geholfen – auch Sophia, die JAM! von ihrer Zeit auf der Straße erzählt hat. Jörg Richert sagt: "Jeder Fall ist natürlich anders, was ich aber grundsätzlich sagen kann: Niemand muss allein bleiben mit seinen Sorgen zu Hause. Und bevor ein Kind von Zuhause wegläuft, rate ich ihm: Lass dich beraten!“

Niemand muss mit seinen Sorgen allein bleiben 

© spacejunkie / photocase.de

Mehr Hilfe, als man denkt: Viele Einrichtungen, aber auch Vertrauenslehrer oder Hausärzte können Ansprechpartner sein.

Wer Hilfe sucht, dem stehen mehr Anlaufstellen zur Verfügung, als man im ersten Moment denkt: Vertrauenslehrer in der Schule können in schwierigen Situationen gute Ansprechpartner sein, genauso Eltern von Freunden, Mitarbeiter im örtlichen Jugendtreff oder der Hausarzt. Und die meisten Jugendlichen wissen gar nicht, dass sie sich ans Jugendamt wenden können. Jörg Richert von Karuna erzählt, dass viele eine Hemmschwelle haben, sich an das zuständige Jugendamt zu wenden, wenn sie sich in ihrem Elternhaus nicht mehr wohlfühlen. "Wenn der Gang zum Jugendamt nicht vermeidbar ist, unterstützen wir die Kinder und Jugendlichen und kommen mit: Wir sind ihre Anwälte und setzen uns für ihre Interessen ein, ganz klar“, erklärt er. 

Nicht erst an den Tiefpunkt kommen

Auch Dr. Nadia Osman, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie rät auf jeden Fall zum Gespräch. Als ärztliche Leitung der Ambulanz der Berliner DRK Kliniken hat sie mit Straßenkindern zu tun: zum Beispiel wenn sie über die Jugendämter und Kriseneinrichtungen an sie vermittelt werden. "Es ist wichtig, ein realistisches Bild von der Welt draußen zu haben. Neben der Freiheit ist da immer die andere Seite der Medaille – und zwar die Verantwortung und die neuen Pflichten, die auf einen zukommen“, sagt sie. Viele obdachlose Jugendliche kommen auch in der Notfallrettungsstelle in schwierigen Situationen zu ihr, wenn sie sich oder anderen zum Beispiel Gewalt antun. Ihr Job: Sie hört zu und bietet an Optionen zu besprechen und gemeinsam Pläne zu schmieden. Manche sind noch nicht bereit die Hilfe anzunehmen, wollen über ihren Kummer nicht reden. Und dann? "Wenn die Kinder einmal 'draußen' sind, müssen sie leider häufig erst einen tiefen Punkt erreichen, um aus eigener Motivation etwas zu verändern“, erklärt Nadia Osman. 

(Dr)außenperspektive

Sophia ist mit 19 von zu Hause weg: Rucksack auf, ein paar Sachen rein und los. Zwischen 2006 und 2013 hatte sie die meiste Zeit keinen festen Wohnsitz. Abhängen, Schnorren und immer wieder die Suche nach dem nächsten Schlafplatz. Heute will Sophia nach vorne schauen. JAM! hat sie ihre Geschichte erzählt.

Mehr über Sophia erfahren

Anonym geht auch

Sicher gehört zum ersten Schritt immer Überwindung. Ganz wichtig ist aber: Ihr könnt den Leuten vertrauen. Sie sind auf eurer Seite. Eine Beratung ist genauso anonym möglich, falls die Scheu vor einem Treffen zu groß ist. Einrichtungen wie Karuna bieten eine anonyme persönliche Beratung am Telefon oder per E-Mail an. Bekannt ist in Deutschland zum Beispiel das Kinder- und Jugendtelefon von "Nummer gegen Kummer e.V.“ unter 0800-1110333, das für Kinder und Jugendliche im ganzen Land kostenlos erreichbar ist. Bei weniger akuten Sorgen kann man auch per E-Mail über ein Formular auf der Seite www.nummergegenkummer.de nach Rat fragen.

Also – ob Kinderpsychologin, Vertrauenslehrer oder Telefonberatung: Am Ende ist niemand allein mit seinen Sorgen zu Hause, auch wenn sich das manchmal so anfühlt.


Nützliche Kontakte, falls ihr oder eure Freunde mal Hilfe braucht:

Es gibt bundesweite Kontaktstellen, die sich gut auskennen. Sie helfen weiter, selbst wenn du bei dir im Ort niemanden kennst. Stichworte, die bei der Suche im Internet helfen sind zum Beispiel "Kinder- und Jugendhilfe“ "Kriseneinrichtung“ oder "Jugendliche in Not“.

Nummer gegen Kummer e.V.
Kinder- und Jugendtelefon (deutschlandweit)
116111 oder 0800-1110333
Montag bis Samstag, 14.00 Uhr - 20.00 Uhr

Off Road Kids
Perspektiven für Straßenkinder in Deutschland (deutschlandweit)

Karuna – Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not Int. e. V.
DRUGSTOP (Berlin)
Tagesstruktur und Beratung sowie integrative Hilfe im Kindes- und Jugendalter

Kontakt- und Beratungsstelle (KuB)
Hilfen für junge Menschen in Not (Berlin)


Text: Imke Emmerich

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.