Anderssein

Gecheckt: Was ist Autismus?

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Computernerds mit Superfähigkeiten? Rain Man? Den meisten fallen wahrscheinlich ähnliche Stichworte zum Thema ein. Halbwissen beiseite: ein paar Fragen zu Autismus hätten wir dann doch. Und Antworten.

Autismus – was ist das überhaupt?

Tja, diese Frage lässt sich nicht einfach so in drei kurzen Sätzen erklären. Denn es gibt unglaublich viele Formen, Ausprägungen und Symptome davon. Daher spricht man heute auch von einer „Autismus-Spektrum-Störung“. Was viele Autisten gemeinsam haben, ist, dass sie Sinnesreize (Geräusche, Gerüche usw.) sehr viel stärker wahrnehmen als andere Menschen. Der Kopf sortiert, ohne dass man es merkt, viele Eindrücke vor und drosselt die Informationsflut. Diesen Filter haben Autisten nicht oder er funktioniert anders. Eine Fahrt mit der Bahn kann für sie so anstrengend sein wie ein Festivalbesuch. Zu der überlaut wahrgenommenen Welt kommt auch, dass Autisten die Kommunikation mit anderen Menschen schwerer fällt. Dies liegt daran, dass sie Gesten und Gesichtsausdrücke nicht intuitiv verstehen. Wenn du wütend bist, dann sieht man dir das an, weil du deine Brauen zusammenziehst und dein Mund sich verspannt. Ein Mensch mit Autismus kann deine Mimik jedoch nur schwer oder gar nicht entschlüsseln. Wenn du dann wutentbrannt eine Tür zuschlägst, ist das für einen Autisten eine höchst irritierende Handlung, weil sie sich nicht durch deine Mimik angekündigt hat. Es ist ein bisschen so, als würden alle anderen eine Sprache sprechen, die du nicht verstehst. Genaue Zahlen zur Häufigkeit von Autismus gibt es übrigens nicht. Geschätzt wird aber, dass etwa 0,7 Prozent der Weltbevölkerung mit einer Form von Autismus lebt. In Deutschland wären das etwa 500.000 Menschen.

Also, noch mal genau: Wie sieht das aus?

Es gibt so viele verschiedene Ausprägungen von Autismus wie es Menschen mit Autismus gibt. Die Medizin macht jedoch einen Unterschied zwischen frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom) und Asperger-Syndrom, das oft erst später erkannt wird. Die Kernsymptome sind bei beiden vorhanden, bei Kindern mit Asperger jedoch meist nicht so ausgeprägt.

Worin genau die Ursachen von Autismus liegen, darüber rätselt die Wissenschaft noch. Bisher geht man davon aus, dass es zumindest zu einem Teil an den „Spiegeln“ im menschlichen Gehirn liegt. Sie ahmen die Emotionen anderer Menschen nach, so dass wir sie quasi nachfühlen und verstehen können. Bei Autisten übertragen diese nicht alle Informationen. Auch die eigenen Gefühle können Autisten nur schwer mitteilen. Wenn ihnen die Welt aus "komischen Erwartungen und Verhaltensregeln" der Anderen fremd bleibt und die Reizüberflutung überhandnimmt, ziehen sie sich zurück. Feste Routinen, Tagesabläufe und Wiederholungen aber helfen dabei, Ordnung in das innere Chaos zu bringen. Viele Menschen mit Asperger gelingt es zudem – vor allem, wenn sie bereits als Kinder damit beginnen – zu lernen, die komplexen Codes der menschlichen Mimik und der sozialen Verhaltensweisen zu entschlüsseln.

Ich hab auch wenig Lust auf Leute oder Small Talk – bin ich jetzt Autist?

© Daniela Schreiter/Schattenspringer

Einen Kommentar, den Autisten immer wieder hören, ist: „Das kenn ich! Ich mache oder fühle auch dies oder jenes – ich weiß, wie es ist.“ Wichtig ist, sich klar zu machen, dass vermutlich jeder Merkmale eines Autisten in der ein oder anderen Form von sich selber kennt, denn es handelt sich um sehr menschliche Emotionen – nur dass Autisten sie in einer viel höheren Dosis fühlen. Daniela Schreiter, Comiczeichnerin aus Berlin und Asperger-Autistin, vergleicht das in ihrem Comic „Schattenspringer“ mit einem Videospiel. Während die einen das Spiel recht routiniert im „normalen“ Modus zocken, beginnen Autisten direkt mit der Schwierigkeitsstufe „hart“: Auf dem Bildschirm springen ständig neue Bilder und Reize umher, und drumherum wird man sogar noch extra abgelenkt. Jedes neue Level kommt unerwartet und ist wieder eine neue Herausforderung.

Einen schönen Beitrag zum Thema „Das kenne ich auch“ gibt es auf dem Blog Quergedachtes
 

Und wie ist das jetzt mit den Superfähigkeiten?

Sie erstaunen damit, die Nummern eines Telefonbuchs auswendig oder so schnell Kopfrechnen zu können wie ein Hochleistungscomputer: Savants - sogenannte Inselbegabte. Das ist natürlich spannend, lässt sich aber überhaupt nicht auf Autismus im Allgemeinen übertragen. Es ist lediglich so, dass von den etwa 100 Savants weltweit ungefähr die Hälfte Züge von Autismus zeigt. Umgekehrt hingegen funktioniert diese Logik nicht: Tatsächlich sind bei Autisten die intellektuellen Begabungen, Talente und Charaktereigenschaften total verschieden - wie bei allen Menschen.
 

Nur eins noch: Sheldon von „The Big Bang Theory“ benimmt sich
auch autistisch, oder?

cc-by-sa 3.0 Ufo Snake/wikimedia commons

Darüber diskutieren Serienfans immer wieder: Ist Sheldon Cooper, der unsensible, arrogante, anstrengende, hyperintelligente und doch so liebenswerte Physiker aus der TV-Serie „The Big Bang Theory“ Asperger-Autist? Klares „Jein“. Die amerikanische Sitcom lebt schließlich davon, dass alle Charaktere stark überzeichnet sind. Das ist auch bei Sheldon so. Vor allem mischen sich bei ihm „typische“ Asperger-Fähigkeiten mit einer ganzen Reihe anderer Spleens und Charaktereigenschaften wie Narzissmus, Unreife oder völligem Desinteresse an Sex. Übrigens gilt Sheldons Freundin als der weitaus authentischere Asperger-Charakter der Serie.

Mehr Infos:

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Text: Anika Auweiler