Barrierefreie Festivals voraus!

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Der Sommer steckt voller Festivals. Wie schafft man es, dass alle zusammen feiern können? Wir haben zwei Feierprofis gefragt, wie ein barrierefreier Festivalbesuch funktioniert.

© Barrierefreies Festival e.V.


Festivalzeit: das ist Party auf dem Zeltplatz, wildes Tanzen vor der Bühne, verzweifelte Suche nach Toiletten und null Schlaf. Punktum: Eine großartige Zeit! Das sieht auch Joel, 19, aus Aachen so. Wenn er auf ein Festival will, muss er vorab Toastbrot und Luftmatratze organisieren – und noch ein wenig mehr: Wie kann er dort als Rollstuhlfahrer zelten? Wie gut sind die Wege? Joel ist querschnittgelähmt und war dieses Jahr mit seinen Freunden auf dem splash! Festival in Sachsen-Anhalt.

Im Freundeskreis der splash!-Gründer gibt es einige, die wie ich mit schwerbehinderten Menschen arbeiten. Darum war uns das Thema von Anfang an wichtig.

Dass alles glatt über die Bühne ging, dabei hat ihm der Verein "Barrierefreies Festival e.V.“ aus Chemnitz geholfen. Seit 2013 berät der Verein Veranstalter zum Thema Barrierefreiheit. Die ehrenamtlichen Mitglieder – darunter die Gründer des splash!-Festivals, aber auch Lehrer, Grafiker und Geschäftsleute – vermitteln zwischen Veranstaltern und Besuchern und unterstützen bei der Organisation. Das reicht vom barrierefreien Camping, den Sanitäranlagen bis hin zu Rollstuhlpodesten an den Bühnen, auf die man raufrollen kann, um besser zu sehen. Der Verein hat außerdem einen Duschcontainer mitentwickelt, in dem nicht nur geduscht, sondern auch liegend gepflegt werden kann. 
Dirk Glowka hat den Verein mit ins Leben gerufen. Ihm und seinen Kollegen war das Thema von Anfang an wichtig: "Im Freundeskreis der splash!-Gründer gibt es einige, die wie ich mit schwerbehinderten Menschen arbeiten“, erklärt Dirk. Sie unterstützen dort, wo Festivalveranstalter den Überblick verlieren: "Wir haben Gäste mit Schwerstbehinderungen, blinde, sehbehinderte und geistig behinderte Menschen und auch Menschen mit chronischen Erkrankungen“. Jeder hat andere Bedürfnisse.

© Barrierefreie Festivals e.V.

Dirk Glowka ist von Anfang an mit dem splash!-Festival verbunden. Mit dem Verein "Barrierefreies Festival" wollen er und seine Kollegen Festivals für alle möglich machen.

Abkürzung zur Bühne

Dirk und seine Kollegen haben sich auch bei Joel dafür eingesetzt, dass er alles bekommt, was er braucht. Zusammen mit seinem Bruder, Vater und seinen Freunden konnte er in einem barrierefreien Camp übernachten, das nur fünf Minuten vom Festivalgelände entfernt lag. „Wir konnten direkt mit dem Auto dorthin fahren und hatten sogar Strom. So konnten wir einen Ventilator oder Heizstrahler anschließen, was für mich wichtig war, da meine Temperaturregulierung aufgrund meines Querschnitts gestört ist“, berichtet Joel. 

Die Übernachtung ist das eine, der Besuch auf dem Festivalgelände das andere. Gut sind für Joel  befestigte Wege und vorab zu wissen, wo sich die nächste rollstuhlgerechte Toilette befindet. Als Rollifahrer hat er auf die meisten Bühnen eine gute Sicht, da es Rollstuhl-Bereiche gibt. "Mitten in der Menschenmenge ist es mir meist zu gefährlich. Es könnte jemand auf mich fallen und außerdem man kann nichts sehen", meint Joel. Mit dem Rollstuhl sei er zwar ein Blickfang, aber blöd gekommen ist ihm noch niemand – im Gegenteil: "Als ich mal auf einem Konzert war und in der ersten Reihe stand, musste ich dringend raus. Es war beeindruckend, wie alle uns ohne zu meckern rausgelassen haben". Wie weit man sich vorwagen kann, ist übrigens bei jedem unterschiedlich. Der eine Festivalbesucher steht nicht gern im Moshpit, der andere dafür umso lieber.

Barrieren raus, Festivals vor

Barrierefreiheit heißt aber nicht nur, Wege zu verbessern und Podeste aufzubauen, meint Dirk von "Barrierefreies Festival“. Es ginge auch darum, in den Köpfen aller Besucher etwas zu bewegen. Wenn wir ein bisschen besser auf einander Acht geben, ändert das schon sehr viel: "Mal ein Bier mitzubringen oder den Rolli über eine Kabelbrücke zu schieben sind Kleinigkeiten. Aber auch Kleinigkeiten helfen ungemein.“ Ziel des Vereins ist es, irgendwann deutschlandweit ehrenamtlich aktiv zu sein, damit jeder schwerbehinderte Mensch, der eine Großveranstaltung besuchen will, das auch kann.

Ich fand' es toll, dass ich mit meinen Freunden losziehen konnte und machen konnte, was ich wollte.

Joels wichtigster Tipp in Sachen Festivals mit Behinderung ist, vorher alles, so gut es geht, zu planen. Für den Fall, dass er mit dem Rolli über Scherben rollt, hat er extra einen Ersatzreifen eingepackt. Außerdem hat er sich für alle Wetterlagen gewappnet, hat Decken, aber auch einen Ventilator, Sonnensegel und eine Wasser-Sprühflasche zur zwischenzeitlichen Abkühlung mitgenommen. Ansonsten alles wie gehabt: Abends Bands gucken, feiern und tagsüber chillen. Für Joel hat sich der Trip auf jeden Fall gelohnt. Nicht nur, weil er den Aachener Rapper Motrip persönlich getroffen hat. "Ich fand' es toll, dass ich mit meinen Freunden losziehen konnte und machen konnte, was ich wollte", sagt Joel. 

© Michael Schneider

Joel vor seinem Zelt auf dem splash!-Festival.

Und welche Festivals sind nun barrierefrei? Das hängt letztlich auch immer von Handicap ab. Um genau Bescheid zu wissen, schreibt am besten vorab die Festivalorganisatoren an und erkundigt euch. Kurze Infos unter dem Stichwort "Barrierefreiheit" gibt es zudem auf den meisten Seiten. Hier findet ihr auch Infos, welche Ticketregelung es gibt. In der Regel kommt beispielsweise die Begleitperson eines Rollstuhlfahrers Regel kostenlos rein, wenn der Rollstuhlfahrer das Merkzeichen “B” im Schwerbehindertenausweis hat. Viele Festivals haben außerdem Campingbereiche für Besucher mit Behinderung, zum Beispiel das melt!, das Southside oder Rock am Ring. Auch zu empfehlen ist das Deichbrand in Cuxhaven wegen seiner geteerten Wege und das Fusion Festival, da es komplett ebenerdig ist. Wenn ihr diesen Sommer noch alle zusammen feiern wollt, könnt ihr das beispielsweise am 12./13. September auf dem Lollapalooza in Berlin.

Mehr zum Thema gibt's auf wheelmap.org
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Text: Milena Zwerenz

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