Mit anderen Augen – Die App "Be My Eyes"

Schlagworte:
Engagement,
Inklusion,
Perspektivwechsel

Mitja und Tomke verleihen ihre Augen. Mal sind es einige Sekunden, mal 20 Minuten und länger. Kein Ding mit der Be My Eyes-App. Blinde und Sehbinderte können sich hier mit Helfern weltweit connecten, wenn sie den Sicherheitsblick brauchen.

© Emil Jupin

Der Blick durch die Smartphonelinse macht es möglich. Die App Be my Eyes vernetzt Menschen mit Sehbehinderung mit Menschen, die helfen, wenn Fragen aufkommen. Zum Beispiel: Passen die Farben von Pulli und Hose zusammen? Was steht auf der Verpackung?

Als Mitjas Smartphone klingelt, sieht der 25-Jährige sofort aufs Display: unbekannte Nummer. Schnell geht er ran. "Hi, ich bin Jonas und habe meine Hemden durcheinander gebracht“, sagt jemand am anderen Ende, "jetzt weiß ich nicht mehr, welches das karierte Hemd und welches das gestreifte ist.“ Jonas ist blind und leiht sich quasi kurz die Augen von Mitja. Dazu nutzen beide die App "Be My Eyes“. Mit dem Programm können sich weltweit blinde und sehbehinderte Menschen mit Sehenden per Videochat verbinden, wenn sie Unterstützung brauchen oder Fragen haben. 

"Coole Sache, darauf hätte man schon viel eher kommen können."

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Sehen, sagt Mitja, der als Kameramann arbeitet, sei für ihn der wichtigste Sinn.

Jonas schwenkt mit seinem Smartphone rüber zu seinen Hemden, die nebeneinander auf dem Bett liegen. "Links ist das gestreifte Hemd, rechts das karierte“, sagt Mitja. Danke! Problem gelöst. Viele dieser kleinen Anrufe hat Mitja schon angenommen und sieht einige Dinge mittlerweile etwas anders: "Schrank aufmachen, Klamotten checken, ein Hemd raussuchen, fertig. Das ist mir jetzt erst richtig bewusst geworden, wie anders man manche Situationen lösen muss, wenn man blind ist.“ 

Vor einem halben Jahr hat sich der Student aus Emden die kostenlose App auf seinem iPhone installiert und sich als Helfer registriert. "Die App ist simpel und eine coole Sache, auf die man schon viel eher hätte kommen können", findet Mitja, der Medientechnik studiert, fotografiert und als Kameramann Imagefilme dreht. Sehen, sagt er, sei für ihn persönlich der wichtigste Sinn.

Vor seinem ersten Anruf war er fast ein wenig aufgeregt. Die ersten Tage nach seiner Anmeldung hechtete Mitja immer sofort zum Handy, wenn es klingelte. "Wie wäre es, wenn ich blind wäre? Eine Zeitlang habe ich mir vorgestellt, wo und wie ich im Alltag eingeschränkt wäre und Hilfe bräuchte." Einen ersten Einblick gibt die App: es sind meist kleine Dinge, blöde Situationen, bei denen es nicht weitergeht. Oder es ist ganz einfach der Sicherheitscheck: "Eine Frau wollte wissen, ob in der Konservendose Ananas oder Champignons sind."

"Keiner ist auf sich gestellt"

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Tomke hilft mittlerweile auch bei WhatsApp weiter, wenn der Empfang über die App hakt.

Geht es um eine schnelle Kurzauskunft? Oder entwickelt sich ein Gespräch? Kommt auf die Situation an – sagt auch Tomke aus Ostfriesland. Sie hat die App installiert, gleich nachdem sie davon erfahren hat. Mittlerweile schreibt sich die 20-jährige Heilerziehungspflegerin mit Markus auch außerhalb der App. Markus, dem sie die Farbe seines Hemdes sagte, wollte gerne noch ein bisschen länger quatschen und gab ihr seine Nummer. "Wenn er jetzt Hilfe braucht, meldet er sich über WhatsApp bei mir. Durch die Spracherkennung ist das für ihn einfacher. Ab und zu schreibt er mir auch so und fragt, wie es mir geht und was ich mache."

Wenn heute Mitjas Handy klingelt, ist er entspannter, auch wenn er einmal nicht rangehen kann. "Ich weiß, dass es andere gibt, die dann weiterhelfen. Auch Freunde von mir haben sich bereits angemeldet. Zusammen sind wir eine große Gemeinschaft und keiner ist auf sich gestellt."

Be My Eyes-App: Durchblick für alle

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Weltweit teilen über 259.000 Menschen ihre Augen mit blinden oder sehbehinderten Menschen (Stand Juli 2015). Um Be My Eyes nutzen zu können, braucht man ein internetfähiges Smartphone mit Kamera. Welche Sprachen man spricht und wer einen kontaktieren darf, kann man angeben. Ein wenig Vertrauen in die Person am anderen Ende muss schließlich auch da sein. Besonders, wenn es nicht um die Frage "Gestreiftes oder kariertes Hemd?" geht, sondern beispielsweise darum, ob der Herd ausgeschaltet ist oder nicht. Ein Bewertungssystem soll dieses Vertrauen stützen und wer sich nicht benimmt, wird ausgeschlossen. 

Im Moment lässt sich das Programm nur auf Apple-Geräten installieren. Das soll sich ändern. An einer Version für Android-Smartphones wird derzeit noch gearbeitet. Damit bald alle den Durchblick haben. 


Text: Anja Schimanke