Küss mich, drück mich, schüttel mich: Wie begrüßt man sich richtig?

Schlagworte:
Behinderung,
Leben,
Begegnung

Unangenehme Situation: Drei Gesichter schauen dich an und du hast keine Ahnung, welche Begrüßung angemessen ist. Hände schütteln oder umarmen? Und was, wenn das Gegenüber eine Behinderung hat? Unsere Autoren outen sich als "begrüßungsverwirrt“ und versuchen rauszufinden, wie das nun richtig geht mit dem Begrüßen.

Voll drauf mit der Begrüßung oder höfliche Zurückhaltung: Wie geht das mit dem Begrüßen? Und: Ist "Moin" vielleicht die Allzweckwaffe?

PETRA:

Für mich eine Horrorvorstellung: Eine Freundin, ein Kollege und eine entfernte Bekannte stehen auf einer Party, als ich reinkomme
– und ich habe keine Ahnung, wie man sich richtig begrüßt. 

Kennt man sich jetzt so gut, dass man sich umarmt? Wird geküsst? Nur auf einer Seite? Auf beiden? Wenn ja, wo anfangen? Begrüßungsszenen überfordern mich eigentlich immer, häufig kommt dann dabei eine ungelenke halbe Umarmung oder planloses Schulterpatschen heraus. Nicht zu vergessen, die peinlichen Begrüßungen, bei denen sich Münder verirren oder Köpfe aneinander knallen. Daher winke ich oft einfach aus der Entfernung, statt auszuarbeiten, welche Begrüßung (je nach Bekanntheitsgrad) nun angemessen ist. Wenn mir jemand im Rollstuhl gegenübersitzt, oder Krücken oder einen Blindenstock hat, ist das übrigens auch so. Nur, frage ich mich dann noch, was überhaupt geht. Und dann winke ich wieder in die Runde oder patsche an den Oberarm – und komme mir unheimlich blöd vor. Was also tun bei Begrüßungsverwirrung? 

ANASTASIA:

Witzig, ich dachte, solche Fragen beschäftigen nur mich bzw. Leute, die körperlich eingeschränkt sind.

Irgendwie ist es gerade angenehm erleichternd zu erfahren, dass es dir auch so geht! Pass auf, ich erzähle dir mal meine Gedankengänge vor einem Treffen: Es fängt schon mal bei der Jackenauswahl an. In meiner Lieblingslederjacke, in der ich mich kaum bewegen kann, weil mir aufgrund meiner Muskelerkrankung die Kraft dafür fehlt, fällt auch das Hände heben schwer. Gut, also entscheide ich mich manchmal für eine 'geeignetere' Jacke. Wenn das Wetter kühl ist, ist es blöd – denn wenn meine Hände kalt sind, kann ich sie auch schwer bewegen... Ach, was für ein Mist! Ich bin es gewohnt, meine Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse verbal zu äußern, weil ich schon seit meiner Kindheit Unterstützung von anderen wichtig für mich ist und ich deshalb gelernt habe auszusprechen, was ich brauche oder denke – und ich glaube, das ist immer der beste, wenn auch nicht der leichteste Weg. Was hältst du davon?

PETRA:

Sagen, was man will - klingt erstmal gut. Aber kann das nicht peinlich werden? 

Wenn ich auf dich zulaufe und "Lass dich umarmen!“ rufe und du willst das gar nicht… Ach, ich hätte so gerne eine allgemeine Regel. Ich weiß, dass das Quatsch ist, aber es wäre so praktisch! Als ich in Spanien war hatte ich beispielsweise eine Standardbegrüßung: Alle abknutschen. Einfach, weil ich das gelernt hatte wie aus dem Lexikon: "Man begrüßt Freunde und Bekannte mit einem angedeuteten Kuss links/rechts.“ Sowas hätte ich jetzt auch gern.

ANASTASIA:

Bis gestern hätte ich noch gesagt: Vergiss Regeln, das wird nicht peinlich!

Gestern hatte ich allerdings eine Begegnung, bei der ich an unser Gespräch denken musste. Auf dem Weg in ein Café traf ich einen Bekannten. "Oh... hallo!“, versuchte ich zu vertuschen, dass ich seinen Namen nicht mehr wusste. "Moin“, sagte er. Dann: "Ich würde dir ja gern die Hand geben, aber das geht ja nicht.“ Ich zog unfreiwillig meine Augenbrauen zusammen. Die Wut stieg in mir hoch, ich fühlte mich komisch. "Behalt deine Gedanken für dich und gib mir einfach nicht die Hand!“, wollte ich sagen. "Doch, das geht“, erwiderte ich stattdessen kurz angebunden, mit noch immer grimmigen Augenbrauen und streckte ihm meine Hand entgegen. Am Abend dachte ich über diese recht eigenartige Begegnung nach. Und weißt du was? Ich fand' ihn mutig! Dieser Mann, dessen Namen ich leider Gottes wirklich vergessen habe, hatte den Mumm, was zu sagen. Er öffnete sich und ich, weil ich so viel Offenheit nicht gewohnt bin, habe mich erschrocken. Den Mut, ihm zu sagen, dass ich seinen Namen nicht weiß, hatte ich übrigens nicht. Schlimm?

PETRA:

Ach, was. Ich sag dazu ja "Tanz den Vermeidungstanz“, wenn man versucht zu vertuschen, dass man einen Namen nicht kennt.

Ich mache das (genauso wie das Begrüßungsgehampel) vermutlich einfach aus Angst, dem anderen auf den Schlips zu treten. Dabei ist es, genau wie du schreibst, gar nicht so wild. Wenn man sich mal ein bisschen locker macht. Vielleicht braucht man darin einfach etwas mehr Übung – egal ob nun mit Behinderung oder ohne! Ganz selten kommt man ja für ein falsches Wort in den Knast, im schlimmsten Fall schmunzelt das Gegenüber. Und so gesehen bin ich vielleicht doch lieber nett und ein bisschen komisch, als die unterkühlte aus der Ferne-Winkerin zu sein. So, und jetzt: Umarmen!?

ANASTASIA:

Nur zu! Ich bin zum Entschluss gekommen, dass man aufhören sollte zu viel zu bedenken, zu analysieren, sondern einfach mal machen. 

Einfach die Hand geben, umarmen, abknutschen. Oder sagen: "Darf ich... dich umarmen/dir die Hand geben?" Eigentlich alles ganz easy. Hey, und wenn die Meinungen auseinander gehen, dann hat das nichts mit der Behinderung zu tun, sondern vielleicht ganz einfach: Die Chemie stimmt nicht! Und auch das ist kein Drama, das passiert nun mal. 
 
Was ich noch loswerden wollte: "Moin“ passt übrigens eigentlich immer und es ist so einfach, weil man nicht überlegen muss, bis wann "Guten Morgen“ oder "Guten Abend“ angebracht ist. "Moin“ und gut is', ohne Tamtam. Meinst du, das ist eine gute Idee? Ich glaube schon. 

PETRA:

Yapp. Und jetzt finden wir erstmal raus, wie der Typ heißt.

ANASTASIA:

Bohh, nee. Ganz so dringend ist es auch nicht ;-)


Text: Anastasia Umrik, Petra Bäumer / Bilder: Petra - © privat, Anastasia - © Anna-Lena Ehlers.

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