Beste Freunde oder „Ich bin verliebt“

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Mut,
Freundschaft

Paul und Philipp sind beste Freunde. Sie kennen sich ewig, wachsen gemeinsam in einer Kleinstadt in Franken auf. Zusammen auf derselben Schule, zusammen an derselben Uni. Doch da ist so eine Sache: Paul ist heimlich in Philipp verknallt. Aber der guckt lieber Mädchen hinterher. Drama oder Happy End? Ein Gespräch unter Freunden.

© Ewi Palaska


Philipp: Findest du, dein Coming-Out ist das Mutigste, was du je gemacht hast?

Paul: Zu dem Schritt gehörte schon viel Mut. Aber den hätte ich gern schon früher gehabt, am besten noch in der Schulzeit. Doch da war das so gut wie unmöglich. Du lebst in der Provinz, bist 16 Jahre alt und checkst, dass du Jungs interessanter findest als Mädchen. Bei uns auf dem Land gibt es keine schwulen Vorbilder, keine Offenheit. Nur Versteckspiele. Wo soll da der Mut herkommen? Also läufst du über den Schulhof und schweigst. Du hörst irgendwen „Schwuchtel“ rufen und musst das alles weglächeln. Du verknallst dich in deine Freunde und musst dich wieder entknallen. Weil es hoffnungslos ist. Das ist ätzend.

Freunde – zu 50 Prozent verknallt

In der Oberstufe lernen sich Paul und Philipp näher kennen. Eine besondere Freundschaft: Sie verbringen viel Zeit miteinander, in der Schülerzeitung, zu Hause, auf den ersten Konzerten, Partys und Reisen. Der beste Freund, das ist so etwas wie eine Allzweckwaffe. Gegen Langeweile, gegen die Langweiler. Für Philipp ist alles super. Für Paul ist es schmerzhaft. Weil er sich wieder in einen Freund verliebt. Dieses Mal eben in Philipp - und eifersüchtig wird, als Philipp irgendwann mit einem Mädchen aufkreuzt.

Paul: Hat dich das nicht gewundert, wie zickig ich auf sie reagiert habe? Und dass mir die Mädchen an unserer Schule immer egal waren?

Philipp: Schon, irgendwie. Hab mich aber nicht getraut, der Sache auf den Grund zu gehen. Du warst halt was Besonders. Ein bisschen anders, ein bisschen irre. Der ungeduldige, vereinnahmende, sprachgewaltige Paul. Du hast mich zum Nachdenken gebracht, wir haben Dummheiten gemacht. Wir haben über Gott und die Welt geredet. Nur eben nicht über Mädchen. Geschenkt. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht.

Come out, Leipzig!?

Nach dem Abi ziehen sie nach Leipzig: Beide wollen Journalisten werden, bekommen den Studienplatz an derselben Uni. Raus aus dem Dorf, rein in die Stadt also. Auf der Suche nach Wohnungen finden sie zwei - im gleichen Haus. Wie praktisch, denkt sich Philipp. Paul zweifelt, sagt aber nichts.

Aber wenn ich mitbekam, dass ein Mädchen bei dir war, übernahm das Herz die Kontrolle.

Erinnerung an die Schulzeit: damals waren sie schon beste Freunde, nur eben diese eine Sache hat Paul Philipp (links) noch nicht erzählt. Und auch sonst niemandem: dass er sich in Jungs verliebt.

Philipp: Das wäre der richtige Zeitpunkt gewesen. Hier hätte ein neues Leben beginnen können.

Paul: Das tat es ja auch. Nur eben mit meiner Altlast: mit dir. Ich war immer noch verliebt und du die Erinnerung an die Schulzeit - die jetzt über mir wohnte. Ich hatte Angst vor den Konsequenzen, wenn ich es dir sage. Ich dachte, unsere Freundschaft würde das nicht aushalten. Und dann würde ich ganz alleine dastehen. Also blieb alles beim Alten. Meine Fassade war ja schon aufgebaut, ich war sie schon gewohnt. Ich hatte Antworten auf die typischen Fragen parat. Ich konnte Frauen charmant eine Abfuhr erteilen. Und ich konnte den Schmerz immer besser aushalten. Ich wurde ein Meister im Verbergen von Gefühlen. Im Verdrängen auch. Aber wenn ich mitbekam, dass ein Mädchen bei dir war, übernahm das Herz die Kontrolle.

Philipp: Und ich habe es nicht verstanden. Wir haben uns vielgezofft in dieser Zeit. Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als wir nach einem Streit im Flur standen und uns minutenlang anschwiegen. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals und einfach nichts mehr zu sagen. Verletzte Gefühle, verletzter Stolz, das macht stumm. Und dann bist du gegangen.

Einfacher am anderen Ende der Stadt

Paul sucht sich eine Wohnung am anderen Ende der Stadt. Der Abstand tut gut. Die beiden lernen neue Leute kennen, sind in verschiedenen Gegenden, Kneipen und Clubs unterwegs. Die Freundschaft bleibt. Dann zieht es Paul nach Berlin. Dort könnte alles einfacher werden. Endlich.

Philipp: Doch anstatt noch einmal zu fliehen, hast du die Bombe vorher platzen lassen. Warum?

Paul: Weil eine Frau in mein Leben kam. Ausgerechnet eine Frau. Sie verliebte sich in mich – und ich mich in sie. Es war verwirrend. Sie konnte ich nicht belügen. Ich wollte ehrlich sein, erklären, warum es aber doch nicht ging. Also nahm ich meinen Mut zusammen und habe mich geoutet. Mit 24. Sie war die Erste, der ich es gesagt habe. Schon komisch. Offenbar brauchte ich den richtigen Anstoß von außen, um mutig zu sein. Und dann war es ein unglaublich befreiendes Gefühl. Auch sie war erleichtert, irgendwie. Nach und nach erzählte ich es meinen Freunden. Beim Bier in der Kneipe. Am Telefon, einfach so. Immer der gleiche Satz: Ich bin schwul. Eine Lawine brach los. Begeisterung! Meine Mutter öffnete eine Flasche Champagner. Ich konnte es immer mehr Leuten sagen. Nur dir nicht. Dir musste ich schreiben.

Eine E-Mail auf dem Herzen

Eine Mail im Postfach. Ganz unscheinbar zwischen „Hurra, du hast ein Auto gewonnen!“ und „Jetzt 10 Kilo abnehmen!“ Eine Mail mit Pauls Absender.

„Lange keine Mail mehr geschrieben, mein Guter, aber es ist an der Zeit, ein dringendes Anliegen brennt mir auf den Lippen, in den Fingern, auf dem Herzen, und eine E-Mail ist dafür wohl der denkbar schlechteste Weg. Aber was muss, das muss. Jetzt kommt der Satz, setz' dich hin: Ich bin schwul, und ob das gut ist, das weiß ich auch noch nicht.“

Paul: Das war schon komisch, dir das zu schreiben. Und dir gleichzeitig zu gestehen, dass ich ziemlich lange verknallt in dich war. Das ging nicht so leicht von Angesicht zu Angesicht. Was hast du gedacht, als du das gelesen hast?

Dann dachte ich: Scheiße. Lag es an mir, dass du eine Fassade aufbauen musstest?

Philipp: Ich habe die Mail erst am nächsten Morgen gesehen. Ich war nicht überrascht. Ich glaube, zuerst war ich enttäuscht. Dass du es schon so vielen Leuten gesagt hast und mir nicht. Dann dachte ich: Scheiße. Lag es an mir, dass du eine Fassade aufbauen musstest? Was muss ich für ein furchtbarer Freund gewesen sein? Aber dann war ich vor allem erleichtert. Weil ich endlich gepeilt habe, was die ganzen Jahre zwischen uns ablief. Das hat alles leichter gemacht.

Paul: Es lief erstaunlich unspektakulär, ich konnte es kaum glauben. Wir haben uns über mein Outingunterhalten. Zweimal, dreimal. Über meine Sorge, unsere Freundschaft kaputt zu machen. Aber das Gegenteil ist passiert. Unsere Freundschaft wurde besser. Ehrlicher. Wir mussten keine Themen mehr umgehen. DasComing-out hat unsere Freundschaft gerettet.


Illustration:Ewi Palaska
Text: Philipp Brandstädter und Paul Wrusch

Paul und Philipp wohnen heute gemeinsam in einer WG in Berlin. Sie machen "irgendwas mit Medien". Mut, haben sie beim Quatschen bemerkt, kann auch durch das gebremst werden, was der Kopf sich vorstellt. Weil wir uns schlimme Folgen ausmalen, die gar nicht eintreten. Wir nehmen die Welt manchmal eben so, wie wir sie uns einbilden, nicht so, wie sie ist.