Das erste Mal – alleine wohnen

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Perspektivwechsel,
Veränderung,
Leben,
Erstes Mal

Wie oft wird so ein Staubsaugerbeutel eigentlich gewechselt? Das ist nur eine der Fragen, die sich Sorina stellt, als sie mit 16 nach Berlin zieht. Was es in der Praxis bedeutet, das erste Mal alleine zu wohnen, ist – tja, nicht immer abgefahren.

© Ewi Palaska

Irgendwas war diesmal anders. Diesmal würde ich nicht nach einer Woche wieder nach Hause fahren. Berlin war nun mein Zuhause.

Ich bin 16 Jahre alt und voll scharf drauf das Leben und die Welt kennenzulernen, alleine in Berlin. "Woooah, voll abgefahren!“ – würden die meisten jetzt wohl denken. Stimmt ja irgendwie auch. Aber fangen wir am Anfang des Anfangs an. Umzuziehen ist zunächst gar nicht mal so schwer: Wohnung suchen, abmelden, anmelden, einrichten, fertig. Gäbe es da nicht eine winzig kleine Hürde, die es zu überwinden gibt: Die liebevollen, ach so fürsorglichen Eltern. 

Mit rotem Koffer und Sparpreis nach Berlin

Eltern mögen es häppchenweise und möglichst konkret. Sich aus heiterem Himmel in die Küche zu stellen und den eigenen Eltern nebenbei zu sagen: "Ich möchte in zwei Monaten nach Berlin ziehen und habe schon fast alles fertig geplant“, kommt nicht ganz so gut. Um das Erwünschte bewilligt zu bekommen, braucht es schon ein wenig mehr. Beispielsweise ein Konzeptpapier inklusive FAQ und ausführlichem Maßnahmenplan.

Nachdem ich, dank meiner anscheinend ziemlich überzeugenden One-Man-Show, sogar von meinen Eltern das Okay bekam, ging es nun wirklich offiziell los. Ich packte also meinen roten Koffer mit dem Nötigsten an Sachen und nahm die nächste Bahn nach Berlin – Sparpreis natürlich. 

Siebzig Wohnungsbewerbungen später war es soweit: Ich saß ich meinem neuen Zuhause. In einer neuen Wohnung mit ganz viel Platz, das noch mit Leben gefüllt werden kann.

Ich bin früher immer wieder nach Berlin gependelt – hatte dort schon Freunde und die Stadt war mir auch nicht gerade unbekannt, aber irgendwas war diesmal anders. Diesmal würde ich nicht nach einer Woche wieder nach Hause fahren. Angesprayte Wände, Hipster-Cafés, verspätete Busse und Bahnen, wöchentliche Demos und jeden Sonntag Kater-Kino – Berlin war nun mein Zuhause. Nun ja, fast. Die Wohnung fehlte noch.

Das Wichtigste vorweg: die Lage. In Berlin einfach mal zur nächsten Wohnbesichtigung zu gehen, den Vermieter kennenzulernen, eine Weile entspannt mit ihm zu schnacken und dann den Mietvertrag zu unterschreiben – is’ nicht. Nicht in Berlin. 

Am Anfang der Suche war ich noch motiviert, geradezu topmotiviert. Ich hatte sogar noch Ansprüche an meine zukünftige Wohnung. Siebzig Wohnungsbewerbungen später war es soweit: Ich saß ich meinem neuen Zuhause. Auf dem Boden. Ohne Licht. Mit einem Elefantenaschenbecher vor mir. So begann also ein neuer Lebensabschnitt. Ich in einer neuen Wohnung mit ganz viel Platz, das noch mit Leben gefüllt werden kann.

Die beste Entscheidung meines Lebens

Auch wenn das jetzt ein wenig kitschig klingt: Nach Berlin zu ziehen – alleine – war bisher wohl die beste Entscheidung meines Lebens. Ständig mache ich irgendwelche Fehler, trete mir vielleicht sogar selber auf die Füßchen, lerne aber täglich neue Menschen kennen und kann einfach frei sein. Es ist nicht leicht – manchmal schließt Mensch sich eben versehentlich aus, versucht durch Zeichensprache die Nachbarin, die nur Polnisch spricht, um Hilfe zu bitten und sitzt 30 Minuten später bananenessend auf der Treppe mit Nachbars Sohn, weil vor der Wohnungstür auf einmal zehn Menschen versuchen die Tür aufzubrechen – aber es macht verdammt viel Spaß. Soviel zum Teil, wie es mir gerade geht. 

@ Public Domain

Zum Schluss noch einige Tipps & Erfahrungen zum Wohnalltag:

Tipp 1:
Wenn ihr zum ersten Mal in eurer neuen Wohnung übernachten wollt, montiert die Glühbirnen BEVOR es dunkel ist.

Tipp 2:
Blumen brauchen Wasser. Regelmäßig. Sonst sterben sie. Wirklich.

Tipp 3:
Bevor ihr Kücheneinrichtung o. ä. einkauft, lohnt es sich bei entprechenden Gruppen im Netz (wie z. B. Nett-Werk Berlin) einfach mal nachzufragen, ob jemand etwas abzugeben hat. Ich habe meine komplette Einrichtung auf diesem Wege bekommen.

Tipp 4: 
Wenn deine bestellte Pizza nach zwei Stunden nicht da ist, warte noch eine Stunde – entweder bekommst du noch was dazu oder die Pizza kommt wirklich nicht mehr.

Tipp 5: 
Wenn aus dem Sauger mehr Staub rausfällt, als reingeht: Werft mal einen Blick auf den Beutel. Auch deren Fassungsvermögen ist endlich. Aber damit fangen die Probleme erst an: Wo kauft man die Dinger überhaupt? M40? S67? E02? Wie bekomme ich den Beutel raus, wie den neuen rein und wie die Klappe zu?

Wird schon. Heutzutage gibt’s ja Videos. Jedenfalls – viel Spaß beim ersten Mal alleine wohnen.


Text: Sorina Lungu

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