Das erste Mal – alles anders

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Erstes Mal

Nach zwei Operationen an der Bandscheibe spürt Janine ihre Beine nicht mehr und sitzt im Rollstuhl. Uns hat die 22-Jährige erzählt, was ihr passiert ist und wie sie damit umgeht.

© Ewi Palaska

Du kannst dich kneifen, wie du willst, aber auch das bringt nichts.

"Das ist ganz komisch. Du probierst Sachen aus, zum Beispiel auf allen Vieren krabbeln, aber plötzlich geht es nicht mehr. Dann sitzt du da und denkst dir: Mist, es funktioniert nicht. Du stößt auf einmal überall an, hast zig blaue Flecken, aber du merkst es nicht. Du kannst dich kneifen, wie du willst, aber auch das bringt nichts. Du spürst es einfach nicht mehr."

Vor knapp einem Jahr fing alles mit Schmerzen im Unterleib und einer Operation an. Danach sollte Janine wieder beschwerdefrei sein. Aber irgendetwas stimmt nicht.

"Nach der Operation waren die Schmerzen immer noch da. Ich bin von einem Arzt zum anderen gerannt. Keiner konnte etwas finden. Als die Schmerzen immer schlimmer wurden, bin ich ins Krankenhaus gegangen. Ich wurde geröntgt, es wurde ein CT gemacht, ein MRT, eine Knochenszyntigrafie. Zum Schluss noch eine Biopsie am Rücken. Kurz gesagt, man hat mich komplett auf den Kopf gestellt."

Die Ärzte fällen schließlich eine Diagnose: Janine hat eine entzündete Bandscheibe. Ursache ist eine bakterielle Infektion. Falls diese sich ausbreitet, könnte Janine noch schlimmere gesundheitliche Probleme bekommen. Die Mediziner sind sich einig: "Sie müssen unbedingt hierbleiben. Wir müssen Sie schnell operieren oder Sie sterben.“

Keine Zeit Nachzudenken

"Ich dachte, wenn die Ärzte so oft sagen, dass die OP dringend ist, dann wird es schon die richtige Entscheidung sein. Nach der OP hatte ich unglaubliche Schmerzen. Die Operationsstelle hatte sich entzündet. Trotzdem war ich froh, dass ich noch laufen konnte."

In einer Klinik für Schmerztherapie heißt es nun: Die entzündete Bandscheibe soll gegen eine künstliche getauscht werden, um weitere Schäden zu vermeiden. Erneut steht Janine zwischen den Stühlen: Abwarten, was passiert, oder eine zweite Operation machen lassen? Sie entscheidet sich für Letzteres. Eigentlich ist der Eingriff keine große Sache, aber die OP verläuft schwierig.

"Auf einmal konnte ich nur noch ein paar Schritte laufen. Als ich wieder zu Hause war, bin ich überhaupt nicht mehr alleine klar gekommen. Die Ausfälle in meinen Beinen sind immer schlimmer geworden. Irgendwann habe ich gar nichts mehr gespürt. Das war an einem Tag im Januar. Ungefähr drei Monate nach der ersten Operation. Seltsamerweise denkst du in so einem Moment erst einmal gar nicht an dich selbst. Mein erster Gedanke war: Toll, jetzt kannst du nicht mehr mithalten. Nicht mehr mit Freunden weggehen. Nicht mehr Autofahren. Das Auto abzugeben war für mich wie meine Selbständigkeit komplett zu verlieren."

Manchmal wird mir alles zu viel, dann muss ich auch mal so richtig heulen.

Plötzlich geht es aber um ganz andere Dinge: Janine braucht einen Pflegedienst, finanzielle Absicherung, einen Rollstuhl, eine behindertengerechte Wohnung – das alles muss sie organisieren. Dazu kommen noch mehr Ärzte und noch mehr Meinungen: Vielleicht seien die OPs gar nicht notwendig gewesen, hört Janine nun. Auch das muss sie erst einmal verdauen. Und wie es ist, auf Behörden und Dienstleister angewiesen zu sein. Nicht aus der Wohnung zu kommen, weil der falsche Rollstuhl geliefert wurde.

"Gesund geworden bin ich irgendwie nebenbei. Man hat eigentlich ganz andere Sachen im Kopf, müsste eigentlich erst einmal klarkommen mit der Situation. Aber dafür hat man gar keine Zeit. Man funktioniert einfach. Man will sein Recht durchkriegen und setzt sich dann auch dafür ein. Ich glaube, wenn ich nicht sowieso schon ein Leben gehabt hätte, in dem ich viel kämpfen musste, hätte ich das nicht geschafft."

© Janine privat

Zwischen Power und Momenten, in denen nichts mehr geht: Janine geht ihre Zukunft an.

Doch auch als Kämpfernatur erlebt Janine Momente, in denen einfach nichts mehr geht. Sie hat inzwischen ihre eigene Strategie entwickelt, um mit diesen Situationen umzugehen.

"Ach, eigentlich verändert sich alles. Und man muss viel lernen. Wie man sein Leben wieder organisiert. Oder auch wie man Rollstuhl fährt. Als ich das erste Mal mit dem Rollstuhl draußen unterwegs war und einen Bordstein hochfahren wollte, habe ich ordentlich Schwung geholt und bin natürlich rückwärts umgekippt."

"Manchmal wird mir alles zu viel, dann muss ich auch mal so richtig heulen. Aber ich sage mir: Das Leben geht weiter! Ich schätze die schönen Dinge im Leben einfach viel mehr, achte mehr auf andere. Mein Umfeld hat sich ebenso sehr verändert. Die Leute, von denen ich dachte, es sind meine besten Freunde, sind alle weg. Menschen, die ich schon seit meiner Schulzeit kenne, aber lange nicht mehr gesehen habe, kommen dafür wieder zurück, weil sie mich wirklich kennen."

Zum Beispiel spielt Janine jetzt regelmäßig Sitzball, also Volleyball im Sitzen. Dort lernt sie andere Leute kennen, die eine Behinderung haben, und bekommt eine Idee, in welche Richtung sie sich bald beruflich orientieren möchte.

"Da gibt es Menschen, bei denen ich denke: Hätte ich die nur schon früher kennen gelernt. Gerade versuche ich, eine Freizeitgruppe für Rollstuhlfahrer bei mir in der Gegend aufzubauen. Also nicht so eine typische Selbsthilfegruppe, sondern einfach so, dass wir uns treffen und etwas unternehmen. Am liebsten würde ich bald wieder arbeiten, zum Beispiel in einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung. Damit ich das, was ich gelernt habe über das Leben mit Behinderung, weiter geben kann."


Text: Cinderella Glücklich


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JAM!

Vielen Dank für die tollen und ermutigenden Kommentare!

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Wunderkerze

Ehrlich, direkt, berührend, mutig...
mehr solch aufklärende Berichte bauen Schranken ab.

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Sony

Eine sehr gut geschriebener Bericht der hoffentlich vielen anderen helfen kann mit einer gleichen oder ähnlichen Situation besser klar zu kommen und nicht den Mut zu verlieren!

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Angela

Ich kann nur sagen, das ich diese Geschichte kenne. Nur etwas anders, mit einer anderen Behinderung die meine Tochter betrifft.
Ich wünsche Janine alles erdenklich Gute und noch viel Kraft. Sie meistert das prima. Nicht aufgeben und weiter kämpfen!
Der Bericht ist absolut toll geschrieben.

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Jasmin Meyer

Janine! Egal was ist, du weißt, dass ich als deine beste Freundin dir egal bei was, immer an rechter Seite stehen werde und dir helfen werde!! Gemeinsam schaffen wir das!!!