Das erste Mal – richtig Glück haben

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Perspektivwechsel,
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Erstes Mal

"Was würde ich machen, wenn ich plötzlich Geld hätte?"  – Das hatte sich Dina auch immer gefragt und kann sich nun ihre Wünsche erfüllen. Denn sie hatte richtig Glück – und danach einen Batzen Geld aufm Konto. Wie aus einer Schnapsidee ein Freudenrausch wurde...

© Ewi Palaska

Das gibt’s doch nicht! Das kann nicht sein!

Der Jingle erklingt! Dem Moderator fällt das Primetime-Grinsen aus dem Gesicht. Ich falle dem älteren Herren mit Nickelbrille neben mir am Pult hyperventilierend um den Hals. "Das gibt’s doch nicht! Das kann nicht sein!“ Das Publikum klatscht und jubelt. Unter den Zuschauern ist meine Mutter bereits aufgesprungen und hält sich die Hände vors Gesicht. "Das gibt’s doch nicht! Das kann nicht sein!“ 45 Minuten, eine Schulstunde lang, stehe ich erst hier in diesem blau-rot-blinkenden Hochglanzstudio. Ich erinnere mich an die Zeit,  in der ich als Sechsjährige noch einen ganzen Abend lang mit einem Pärchen mitfieberte, das Parcours und heiße Drähte überwand, um ein paar Mark abzustauben. 

Ende ich als Witz im Facebookfeed?

Und jetzt das. Auf der LED-Anzeige steht es weiß auf blau: Wir haben gewonnen! Zu viert könnten wir uns jetzt fast eine Jacht im Mittelmeer leisten. Mein ganz persönliches Stück vom Kuchen reicht immerhin für einen deutschen Mittelklassewagen. "Das gibt’s doch nicht! Das kann nicht sein!“ Noch latent neben mir stehend, trank ich den Sekt zur Feier des Tages. "Eine historische Sendung! So viel hat hier noch niemand gewonnen!“. Hört Hört. Wir haben Geschichte geschrieben und dafür Geld bekommen. Und ich hab zum ersten Mal in meinem Leben etwas gewonnen. Aus einer Sektlaune wurde ein Freudenrausch!

Mindestens zwei Mal spielte ich vorab ernsthaft mit dem Gedanken, einen Rückzieher zu machen. Bei Trivial Pursuit am Silvesterabend bei Freunden nicht zu wissen, wer die Dampfmaschine erfunden hat, ist nicht schön – aber sich vor laufender Kamera einer möglichen Blamage preiszugeben, ist 'n anderes Ding. Eigentlich war die Angst, als Witz im Facebookfeed meiner Freunde zu landen, weil mir meine Nervosität in der Sendung Streiche spielt, größer als die Lust, Teil einer Quizshow zu werden. Zum Casting zu gehen, war eher eine Schnapsidee unter Freunden. Ich ging hin – aus Neugier. Dann wurde ich genommen – überraschend. Und dann schließlich fuhr ich zur Aufzeichnung, weil ich dachte: ein gesponserter Aufenthalt in Hamburg, eine kleine Aufwandsentschädigung – warum nicht?

Doch nichts zu verlieren

Ehe ich mich versah, saß ich gestriegelt und aufgehübscht (und ansonsten ziemlich unvorbereitet) in meiner eigenen Garderobe und wartete darauf, mit drei anderen Teilnehmern im öffentlich-rechtlichen Fernsehen um echtes Geld zu spielen. Alles was ich zu tun hätte: Fragen beantworten. Etwa was für einen Ballkleid-BH charakteristisch ist oder wie John Grisham in Wahrheit heißt.

Meine naive "Egal, du hast nichts zu verlieren“-Einstellung und talentierte Mitspieler brachten mich irgendwie durch die Sendung. Und am Ende wartete ich zwar vergeblich auf den Goldregen, dafür aber blinkten die Nullen auf der Gewinnanzeige. "Das gibt’s doch nicht! Das kann nicht sein!“ 

Eine gehörige Portion echte Freiheit

In den ersten Tagen nach diesem Knaller lief ich wie auf Wolken. Die Endorphine wurde ich nicht los, wie einen lästigen Schluckauf. Dieses virtuelle Geld, das sich erst in ein paar Wochen materialisieren würde, war sicher im Stande mein Konto platzen zu lassen – schließlich ist es so eine Summe nicht gewohnt. Aus der rhetorischen Frage "Was würde ich mit viel Geld alles anstellen?“ erwuchs eine echte Mammutaufgabe. Ein Laptop! Eine Kamera! Spenden! Ein Häuschen an der Mecklenburgischen Seenplatte? Ein Neuwagen? Ein Gebrauchtwagen? Kein Auto. Dafür eine Reise! Mit dem Auto? Also, doch ein Auto kaufen? Nein, eins mieten! Oder doch lieber fliegen? Südamerika? Asien ist auch schön. Doch lieber eine anständige Musikanlage? Oder alles sparen?

Das erste Mal ein bisschen Knete. Für mich, Geisteswissenschaftlerin irgendwo zwischen freiem Schaffen, Zeitverträgen und Nebenjobs hängend, verwandelt sich dieser Gewinn letztlich in eine gehörige Portion echte Freiheit: das zu tun, was mich glücklich macht. Geflügelte Schritte zum Ziel. Hilfe zur Selbsthilfe. Eine Möglichkeit unter Beweis zu stellen, wer man ist und was man kann, ohne auf den Lohn belangloser Jobs angewiesen zu sein. Vielleicht ist es auch überhaupt erst die Möglichkeit herauszufinden, wer man ist und was man kann. Auf jeden Fall ist es am Ende eine schöne Geschichte, die man später seinen Enkeln beim Trivial Pursuit-Spielen an Heiligabend erzählen kann. "Damals als ich das erste Mal richtig Glück hatte und dachte: Das gibt’s doch nicht! Das kann nicht sein!“ 


Text: Dina hat uns ihre Geschichte erzählt.

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