Das erste Mal – leben in Nahost

Schlagworte:
Perspektivwechsel,
Veränderung,
Leben,
Erstes Mal

Ole lebt vier Monate in Jordanien, einem Königreich an der Grenze zu Syrien. Oles Aufenthalt ist kein Urlaub, er will sich herausfordern.

© Ewi Palaska

Ich möchte etwas Neues erleben, etwas, das ich noch nie gemacht habe und das mein Leben prägen wird.

Ich bin in Jordanien. "Wie bin ich denn hier hingekommen?“, frage ich mich gerade. "Wo ist Jordanien eigentlich?“, hatten mich die anderen vor meiner Abreise gefragt, und: "Bist du jetzt total bekloppt?“

Nein, ich glaube nicht; vielleicht etwas neugierig und geleitet von den Gedanken: "Du warst noch nie im Nahen Osten, du hast noch nie länger als ein paar Wochen im Ausland verbracht“. Der Schüleraustausch nach Neuseeland zählt da für mich nicht so recht. Alles war organisiert und mein Leben dort wie in einer kleinen Blase, die mich vor allen Fremdeinflüssen schützte. Jetzt bin ich für viereinhalb Monate in Jordanien, dem Land, das zwischen Israel, Palästina, Syrien, Saudi-Arabien und dem Irak liegt. Alles Länder, von denen man immer wieder in den Nachrichten hört: von Krieg, Flucht und Konflikten. Jordanien aber ist vergleichsweise sicher.

Warum nicht einfach mal was Verrücktes tun?

Ich studierte gerade im letzten Semester Medientechnik und dachte, bevor jetzt der Job kommt, Familie oder sonst irgendetwas, sollte ich meine Ungebundenheit noch mal nutzen. Meine Idee: Warum sich nicht mehr als nur ein bisschen über den eigenen Tellerrand hinauswagen? Warum nicht die Abschlussarbeit über einen Auslandsaufenthalt schreiben? Da ich mich für arabische Länder und den Nahen Osten interessiere, aber gleichzeitig etwas Sicherheit wollte, fiel die Entscheidung für Jordanien relativ schnell.

Nach der ersten Idee gingen mir viele Zweifel durch den Kopf: Ich kenne niemanden in Jordanien, spreche kein arabisch, ich habe keine Ahnung, über was ich in meiner Arbeit schreiben soll. Ich hätte diese Liste ewig fortführen können. Aber all dem gegenüber stand ein Satz: Ich möchte etwas Neues erleben, etwas, das ich noch nie gemacht habe und das mein Leben prägen wird.

In den ersten Tagen strömten unglaublich viele Eindrücke auf mich ein.

Ich kam mit einem vollkommen neuen Gefühl in Amman, der Hauptstadt, an. Nicht mit diesem Urlaubsgefühl. Nein, ich kam an mit dem andauernden Gedanken "für ein paar Monate ist das jetzt deine neue Heimat“. Ein Land, das etwa eine Million syrische und hunderttausende irakische Flüchtlinge aufgenommen hat. Über die Hälfte der Bevölkerung im jordanischen Königreich ist palästinensischer Abstammung; somit hat fast jeder den man trifft, Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung.

In den ersten Tagen strömten unglaublich viele Eindrücke auf mich ein. Ich wollte die Stimmung der Stadt aufsaugen: Bunte Märkte, wo alles lauthals schreiend angepriesen wurde: Obst, Gemüse, Kleidung, Plastikwaren, lebende Tiere. Tausend Gerüche drängten sich ins Bewusstsein. Gewöhnungsbedürftig die Fahrt mit dem Auto durch die Stadt: Auf zwei markierten Spuren fahren vier Autos nebeneinander. Taxis, die meterhoch mit Koffern, Tüten und sogar Tieren beladen sind.

Mein neues Zuhause liegt etwas abseits von dem Trubel auf dem Jabal (arabisch für Berg) Al Weibdeh. In den ersten zwei Wochen war es nicht so einfach aus dem Haus zu gehen. Mit Sandsturm und Temperaturen von über 40 Grad hielt ich es draußen nicht länger als zwei Stunden am Tag aus. Dabei wollte ich Leute kennenlernen, die Stadt erkunden, Falafel essen. Ich fühlte mich einsam und hatte immer noch kein Konzept für meine Arbeit. "Was hast du dir dabei eigentlich gedacht?“, schimpfte ich mit mir. Dann endlich legte sich der Sandsturm.

Wie ist es, sich fremd zu fühlen?

Wirklich fremd gefühlt habe ich mich nicht, wenn ich durch die Straßen von Amman gelaufen bin. Mehr wie jemand, der schon oft kleine Teile arabischer Kultur in Deutschland kennengelernt hat, mehr wie jemand, der zum ersten Mal die Großfamilie seiner Freundin kennenlernt. Zwar hatte ich am Anfang das Gefühl angestarrt zu werden. Aber wie in jeder großen Stadt gibt es auch in Amman viele Ausländer. Nur sind die mit den blonden Haaren und den hellen Augen hier nun mal die Auffälligsten.

Doof ist es natürlich immer nur Wortfetzen verstehen zu können. Aber die Offenheit der Menschen hier lässt mich immer wieder auf gesprächige Leute treffen, denen es egal scheint, dass man ihre Sprache nicht spricht. Mit der Zeit lernte ich viele kleine Floskeln. Meistens habe ich mich aber auf Englisch und mit Händen und Füßen verständigt – oder mich mit Taxifahrern mit ein paar Brocken Russisch ausgetauscht. Bei mir im Viertel wurde vergleichsweise viel Englisch gesprochen und bei jeder Bekanntschaft wurde ich in sämtliche Freundes- und Familienkreise eingeführt.

Es ist faszinierend, wie in der Bevölkerung eine Mischung aus offenem, modernem Leben und traditionell muslimischem Glauben gelebt wird.

@ Ole Reinsberger

Mittlerweile werde ich nicht mehr angestarrt, wenn ich durch die Stadt laufe. Ich habe hier wahnsinnig offene und spannende Menschen kennengelernt. Mit meinem Nachbarn, einem syrischen Theaterregisseur und Schauspieler, verbringe ich ganze Nächte mit Diskussionen. Mit einem guten jordanischen Freund, der kulturbegeistert ist, finde ich in den kleinsten und verstecktesten Ecken der Stadt interessante Diskussions-, Film-, oder Musikveranstaltungen.

Es ist faszinierend, wie in der Bevölkerung eine Mischung aus offenem, modernem Leben und traditionell muslimischem Glauben gelebt wird. Wie der Islam überall im Alltag präsent ist.

Ich selber habe genau das gefunden, was ich gesucht habe: Das Neue, das Ungewohnte. Und ich habe es geschafft das Leben in der Fremde zu meistern. Beispielsweise: Zwei Wochen Wasserknappheit im Urlaub kann jeder aushalten, aber vier Monate mit einer wöchentlich rationierten Menge auszukommen, bedeutete schon einiges an Umgewöhnung.

Es ist schon komisch; jetzt habe ich mich gerade eingewöhnt und schon muss ich wieder gehen. Ich werde die intensiven Diskussionen mit meinem Nachbarn vermissen. Die ganzen netten Leute, die ich kennenlernen durfte. Und natürlich die super leckeren Falafel. Aber ich freue mich auch wieder auf meine Freunde, darauf Wasser aus der Leitung zu trinken, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, klare Luft zu atmen und wieder Deutsch zu sprechen. 

Mehr Infos zu Oles Bachelor-Arbeit:

Ole hat Medientechnik an der HAW Hamburg studiert. Seine Bachelorarbeit schrieb er zum Thema:

"Jordanien – mediale Erkundung einer fremden Kultur" 

Das war ihm dabei besonders wichtig: 
"Ich wollte das in Jordanien gedrehte Material so präsentieren, dass ich beim Zuschauer ein möglichst hohes Maß an Authentizität erzeugen kann. Deshalb habe ich mich entschieden ein Kaleidoskop aus Medien zu präsentieren, also viele kleine Filme, die ich alle auf unterschiedliche Weise bearbeitet habe. Mal eine Dokumentation im Sinne des Direct Cinemas, mal einen Essayfilm, mal ein paar hintereinander geschnittene Filmschnipsel, mal ein Sendung-mit-der-Maus-Film usw. So kann der Zuschauer anhand meines Materials selber seine eigene Erkundung Jordaniens unternehmen."

Nach Abschluss seines Studiums ist Ole nach Köln gezogen.


Text: Ole Reinsberger

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