Das erste Mal – verliebt in eine Frau

Schlagworte:
Perspektivwechsel,
Veränderung,
Leben,
Liebe,
Erstes Mal

Michele hat einen Freund, schon seit vielen Jahren. Dann trifft sie Elif, eine türkische Studentin, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Seitdem ist nichts mehr so, wie Michele es gewohnt war. Zum Glück.

© Ewi Palaska

Michele ist 21 als sie Elif* kennenlernt. Als Aushilfen arbeiten die beiden Studentinnen bei der KVB, den Kölner Verkehrsbetrieben. Eine Begegnung, die Michele völlig aus der Bahn wirft.

Michele: "Nachdem ich Elif ein paar Mal getroffen hatte, wusste ich zwar, dass sie lesbisch ist. Ein Thema war das aber nicht. Ich hatte schon lange einen Freund. Für ihn bin ich auch nach Köln gekommen. Elifs Ausstrahlung hat mich aber von Anfang an fasziniert. Ich habe gemerkt, dass ich gern in ihrer Nähe bin."

Elif: "Eigentlich war Michele gar nicht mein Typ. Ich fand sie am Anfang sogar eher unsympathisch: Sie war neu und die Jüngste bei der KVB und dachte trotzdem, sie könnte uns alle belehren. Aber das war nur der erste Eindruck. Als ich später herausfand, wie toll sie eigentlich ist, hat sich alles verändert."

Mehr als Freundschaft?

Zusammen mit den anderen Aushilfen gehen sie aus und lernen sich besser kennen. Irgendwann wird Michele klar, dass da etwas zwischen ihnen ist. Etwas, das mehr ist als Freundschaft. Aber was? Sie findet es heraus, als sie gemeinsam Karneval feiern.

Michele: "Wir hatten ausgemacht, dass ich bei Elif übernachte. Ich glaube, wir hatten beide das Gefühl, dass an diesem Abend etwas passieren würde. Als wir nach dem Feiern in Elifs Wohnung ankamen, waren wir total verkrampft. Irgendwann hab ich mich getraut und gesagt: 'Du, ich kriege noch ein Bützje von dir.‘ Aus dem traditionellen Karnevalsküsschen wurde dann aber ein ziemlich langer Kuss.“

"Am Tag danach war ich total fertig. Zuhause hab ich als erstes meine Mutter angerufen: 'Mama, ich muss dir was erzählen, ich hatte gerade was mit einer Frau. Ich glaub, ich hab mich verliebt.‘ Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand. Doch meine Mutter hat nur gesagt: ‚Hör einfach auf dein Gefühl‘.“

Ich war voller Glücksgefühle, Elif hat so viel in mir wachgerüttelt, dass ich der Sache einfach nachgehen musste.

Auf der einen Seite denkt Michele: „Ich muss mit meinem Freund reden“. Auf der anderen Seite ist alles neu, anders. „Ich muss nachdenken“, sagt sich Michele. Aber zum Nachdenken kommt sie nicht.

Michele: "Ich war voller Glücksgefühle, Elif hat so viel in mir wachgerüttelt, dass ich der Sache einfach nachgehen musste. Zwei Wochen treffen wir uns, alles verschwimmt in dieser turbulenten Zeit. Ich glaube, ich habe tagelang nicht geschlafen, weil unglaublich viel in mir passiert ist."

Elif: "Ich wollte mich gefühlsmäßig erst nicht darauf einlassen, weil ich nicht dachte, dass Michele es wirklich ernst meinen könnte. Ich wusste ja, dass es da auch noch den Freund gibt. Ich hatte Angst, dass sie mir das Herz bricht."

Michele ist klar, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Ihr schlechtes Gewissen quält sie – und sie kann ihre Gefühle für Elif nicht mehr verbergen. Sie sagt ihr, dass sie es ernst meint. Dass es nicht nur "eine Phase“ ist. Auch Elif ist verliebt, sie will mit Michele zusammen sein. Dafür braucht es aber klare Verhältnisse.

Ich habe nicht drumherum geredet. Einfach raus damit.

Was bleibt, ist die Aussprache mit dem Freund. Wirklich erklären kann Michele ihm das Ganze nicht, weil sie es ja selbst kaum versteht. Aber sie will ehrlich sein.

Michele: "Ich habe nicht drumherum geredet. Einfach raus damit, dachte ich: ‚Ich habe mich in eine Frau verliebt, und zwar durch und durch‘. Das war nicht einfach. Er konnte das gar nicht verstehen. Es kam für ihn ja auch aus heiterem Himmel, er hatte die Entwicklung nicht mitbekommen. Aber danach war ich erleichtert: endlich Klarheit.“ 

Eine Sache des Respekts

Michele würde ihre Freude am liebsten mit der ganzen Welt teilen. Aber das geht nicht. Denn Elif redet mit ihrer türkischen Familie nicht offen über ihr Privatleben, so wie es Michele tut. Zu diesem Zeitpunkt ist Elif vor ihrer Mutter noch nicht geoutet, sie möchte auch nicht, dass jemand auf der Arbeit etwas davon weiß. "Ich bin so erzogen worden, dass man sich als Paar in der Öffentlichkeit nicht küsst, das hat was mit Respekt vor anderen Leuten zu tun“, sagt Elif.

Michele: "Für mich war das ungewohnt. Ich kannte das so nicht. Als wir länger zusammen waren, lernte ich ihre Familie kennen. Ich musste aber immer aufpassen, was ich sage, denn wir waren ja angeblich nur Arbeitskolleginnen, Mitbewohnerinnen und beste Freundinnen. Als wir zusammengezogen waren und die Familie zu Besuch kam, nahmen wir die gemeinsamen Bilder von der Wand und gaben vor, das Arbeitszimmer sei mein Zimmer.“

Heute sind Elif und Michele verheiratet. Es hat zwar gedauert, bis Elif den Mut aufbrachte, ihrer Mutter zu sagen, dass sie lesbisch ist. Und sie traute sich erst einen Monat vor der Hochzeit, ihr zu erklären, dass sie Michele heiraten würde. Aber nun wissen alle Bescheid. Ihre Mutter erlitt keinen Nervenzusammenbruch, wie Elif befürchtet hatte. Sie kam sogar zur Hochzeit. "Durch Micheles offenen Umgang bin ich auch entspannter geworden“, sagt Elif. "Spätestens auf der Hochzeit haben alle gesehen, wie glücklich wir sind. Und darum geht es doch.“


Text: Johanna Meadows

*Elif ist nicht ihr richtiger Name. Da sie nicht vor ihrer ganzen Familie geoutet ist, haben wir uns für ein Pseudonym entschieden.


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Sortieren nach Datum:

avatar

JAM!

Danke, Nicole! :-)

avatar

Nicole

Toller Artikel der Mut macht.