Depressiv, aber nicht verrückt

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Depressionen zu haben heißt nicht mal einen schlechten Tag zu haben. Wer depressiv ist, der durchlebt ganz andere Gefühle. Aurea und Julia wissen das aus eigener Erfahrung.

© Rina H. / photocase.de

An manchen Tagen geht nix mehr. Depressionen wirken sich auf alle Lebensbereiche aus.

Menschen, die Aurea nicht so gut kennen, würden sie wahrscheinlich nie als depressiv einschätzen, wenn sie ihr begegneten. Fremden spielt sie oft eine glückliche Fassade vor. Doch wenn die 25-Jährige morgens aufsteht, gibt es Tage, an denen es ihr richtig schlecht geht. Auch in den guten Phasen spürt sie eine ständige Traurigkeit und Einsamkeit in sich. Diese Gefühle kennt sie, seit sie 13 ist. Damals beginnt ihre Magersucht, sie weint viel. In den darauffolgenden Jahren sitzt sie oft hungernd und heulend vor ihrem Bett und weiß nicht weiter. Ihre Familie schiebt ihr Verhalten zuerst auf die Pubertät. Das Wort “Depression” traut sich niemand auszusprechen.

Keine Ausnahme

“Das Thema Depression hat nach wie vor einen schlechten Beigeschmack, wenn man darüber offen spricht. Ich glaube, weil wir Depressiven immer noch als 'verrückt' abgestempelt werden”, meint Aurea. Ein Ausnahmephänomen ist es jedoch nicht: In Deutschland leidet etwa jeder 14. Jugendliche an Depressionen. Das macht etwa zwei Leute pro Schulklasse.

Eine Depression ist eine seelische Erkrankung, die aus unterschiedlichen, oft zusammenhängenden Gründen entsteht. Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass während einer Depression der Stoffwechsel des Gehirns gestört ist. Aber auch einschneidende Erlebnisse können Depressionen auslösen. "Die" Depression gibt es jedoch nicht, sie kann bei jedem unterschiedlich verlaufen. Man kann Depressionen aber nach unterschiedlichen Kriterien einteilen, etwa nach Art und Zahl der Symptome. Sie kann einmalig auftreten oder wiederkehrend. Man unterscheidet außerdem uni- und bipolare Störungen. Bei den bipolaren Störungen wechseln sich depressive Phasen mit himmelhochjauchzenden Phasen ab.

Erleichtert, verwirrt, traurig – alles zusammen

@ Aurea privat

Letztlich konnte mir nur geholfen werden, weil ich das selbst wollte.

Aurea traut sich erst ein paar Jahre später, sich der Krankheit zu stellen. Als sie von einem Tag auf den anderen in eine depressive Phase fällt, die heftiger ist als je zuvor, weiß sie, dass sie Hilfe braucht. "Letztlich konnte mir nur geholfen werden, weil ich das selbst wollte“, sagt sie. Sie macht einen Termin bei einer Therapeutin und fühlt sich nach dem Gespräch erleichtert. Aber auch völlig verwirrt, traurig, verzweifelt, überfordert – alles zusammen: “Die Therapeutin war der erste Mensch, der mir direkt ins Gesicht gesagt hat, dass ich schwer depressiv bin“. Aurea entscheidet sich, mit ihrer Familie und ihren Freunden über die Diagnose zu reden. Sie will dem Wort "Depression“ die Macht nehmen.

Durch die Therapie hat Aurea gelernt, mit ihrer Depression Stück für Stück offener umzugehen. Sie weiß heute ihre eigenen Alarmsignale zu lesen. Ihr half es vor allem, mit einer Person zu sprechen, die ihr Umfeld nicht kennt und nicht über sie urteilt. Je nach Symptomen, Schwere, aber auch Typ helfen unterschiedliche Behandlungen. Gespräche mit Psychotherapeuten sind oft ein wichtiger Teil, aber auch Medikamente, sogenannte Antidepressiva können helfen. Sie stellen quasi das Gleichgewicht wieder her.

Depressiv? Was tun, wenn es dir oder anderen schlecht geht?

Was, wenn aus dem „mal schlecht drauf sein“ Wochen oder Monate werden? Wenn es dir selbst so geht oder du es bei Freunden oder der Familie beobachtest? Wir haben ein paar Tipps gesammelt.

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#NotJustSad

In der Öffentlichkeit wurden Depressionen bisher oft eher totgeschwiegen. Doch das könnte sich gerade ändern. Denn es gibt Redebedarf. Das beweist zum Beispiel der Poetry Slammer Tobi Katze. Er bloggt schon lange humorvoll über seine Depression auf “dasgegenteilvontraurig” und hat sogar ein Buch, “Morgen ist leider auch noch ein Tag”, darüber geschrieben. Der Hashtag #NotJustSad, der seit letztem Jahr bei Twitter die Runde macht, will zeigen, welche Menschen sich hinter dem Wort verbergen. Gestartet hat ihn die depressive Twitter-Userin @ishotgut, heute teilen unter dem Hashtag tausende andere User ihre Gefühle und Erfahrungen mit Depressionen. Gleichzeitig setzten sich viele Medien mit dem Thema Depression auseinander.

Auch der 21-Jährigen Julia hat es geholfen sich mit anderen auszutauschen, denen es ging wie ihr. Seitdem sie zwölf war, fühlte sie sich in der Schule gemobbt, fand keinen Anschluss. Sie fühlte sich schlecht, war traurig und gereizt, sie konnte sich selbst nicht ausstehen. "Ich war erschöpft vom Existieren“, sagt die 21-Jährige heute, wenn sie daran zurückdenkt: “Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals so richtig verstanden habe, was mit mir los ist.”

Mehr wissen, mehr reden

Sie bekommt Hilfe von den Eltern, einer Therapeutin – und dem Netz. Julia merkt: Sie ist nicht allein. Auf YouTube haben Leute in ihrem Alter angefangen über das Thema zu reden – ohne zu beschönigen. Kati Morton und Laura Lejeune sprechen beispielsweise über ihre Erfahrungen und geben Tipps. Auch YouTuberin Gar Nichz erzählt auf ihrem Channel ganz offen über die Zeit, als sie depressiv war, weshalb sie nicht mehr zur Schule gegangen ist und wie sie schließlich einen Ausweg gefunden hat. Sie ist ein Gesicht der Kampagne #wireinander, die dazu aufruft, seine eigene Story zu teilen. Die Geschichten zeigen: Niemand ist allein. Und sie zeigen, wie unterschiedlich sich Depressionen auswirken können, wie wir sie bekämpfen und mit ihnen umgehen.

“Ich bin der Meinung, dass mit dem Thema Depression von allen Seiten offener umgegangen werden muss und Menschen sich gegenseitig nicht so schnell abstempeln sollten”, meint Aurea nachdenklich. "Das funktioniert aber nur, wenn wir auch mehr darüber wissen, was es heißt depressiv zu sein – und was eben nicht“, findet Julia. Nicht nur traurig. Aber eben auch nicht verrückt.


Text: Milena Zwerenz


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JAM!

Lieber Sam,
vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!
Wir sind froh darüber, dass dir unser Artikel weiterhelfen konnte und hoffen, dass der Antrieb immer noch in dir steckt und es dir mittlerweile etwas besser geht.

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Bin.Sam.

Daumen Hoch, echt guter Text!
Ich weiß zwar nicht wieso, noch keiner ein Kommentar dazu abgegeben hat und frage mich...
...Leben wir etwa in so einer verquirlten spießigen Gesellschaft in der, die Menschen es sich selber nicht einmal eingestehen wollen, oder können!
Ich bin momentan in einer ähnlichen lage und "hoffe" durch diesen Text stark genug Morgen sein zu können, um zum Krankenhaus (Was mein Arzt vor über 1 Woche verschrieb!) gehen zu können. Als eine Art antrieb, habe auch keinen der bei mir Wohnt um mich an zu treiben, "leider"! Aber eure bspl. und eure Beschreibungen sind gut!!! Euer Sam.