(Dr)außenperspektive

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Perspektivwechsel,
Gender

Sophia ist mit 19 von zu Hause weg: Rucksack auf, ein paar Sachen rein und los. Zwischen 2006 und 2013 hatte sie die meiste Zeit keinen festen Wohnsitz. Im Rückblick eine Zeit, die sie nicht unbedingt bereut, auf die sie aber auch nicht stolz ist. 

© kallejipp / photocase.de

"Endlich nervt mich keiner mehr“, war Sophias erster Gedanke damals. Der zweite: "Wo penn' ich denn jetzt eigentlich?“ Sophia ist mit 19 von zu Hause abgehauen, hielt es dort nicht mehr aus inmitten der ewigen Streitereien mit ihrer Mutter. Und "inmitten der Plattenbauten und Nazis von Berlin Lichtenberg“, sagt sie. Zur gleichen Zeit kam sie mit Drogen in Berührung. Ihre Ausbildung hatte sie abgebrochen, die Schule machte ihr nie Spaß. Ihre Eltern trennten sich, als sie zwölf war, zu ihrem "Erzeuger", wie sie sagt, hat Sophia keinen Kontakt mehr. Es ging um Alltägliches, die typischen Themen mit den Eltern: mach dies, mach das, lass jenes sein – Sophia fühlte  sich missverstanden. "Dann hab ich mir einfach ein paar Sachen geschnappt und bin auf den Platz". Mit Platz meint Sophia den "Alex": Alexanderplatz in Berlin-Mitte. Betonplatten, Fernsehturm, Touristen. Und einige andere, die dort ihre Zeit totschlagen, weil sie kein Zuhause mehr haben. Wie ein paar Freunde von Sophia aus der Punkszene. Das war 2006.

"Im Winter war das alles nicht so schön"

© pio3 / Shutterstock.com

Der Alexanderplatz in Berlin: Nicht nur eine Foto-Option für Touristen. Hier hat auch Sophia ihre Zeit auf der Straße verbracht.

Unter einem "Straßenkind" stellt man sich vielleicht erstmal ein Kind vor, das nachts unter Brücken schläft. Es verbirgt sich aber noch mehr dahinter, der Verein "Karuna – Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not" spricht von Kindern und Jugendlichen, darunter viele Minderjährige, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben – ohne Bindung zum Elternhaus. 20.000 gibt es schätzungsweise in Deutschland, in Berlin vielleicht 1.000, doch gesicherte Zahlen dazu gibt es nicht.

Sophia hatte zwar die meiste Zeit ein Dach über dem Kopf, schlief in Notunterkünften, bei Freunden, bei Fremden und zwischendurch sogar in einer eigenen WG. Den Tag verbrachte sie aber hauptsächlich draußen auf dem Alex. Rumtingeln. Rumlungern. Schnorren. "Damit wir halt ein bisschen Kohle hatten", sagt sie. "Vor allem im Winter war das alles nicht so schön". Ständig musste Sophia überlegen, wo sie die nächsten Nächte verbringen kann. Wenn sich keine bessere Option ergab, ging sie zur Notunterkunft. Um zehn Uhr abends machte die auf und Sophia stand dann erstmal in der Schlange vor der Tür – weil so viele andere auch einen Schlafplatz suchten. Etwa sechs Jahre lang ging das so, mit Unterbrechungen. Der einzige Kontakt zu ihrer Mutter bestand darin, dass diese ihr jeden Monat das Kindergeld überwies.

Gelernt, sich durchzuschlagen

Heute ist Sophia 27, ein bisschen Punk weht immer noch durch ihr strohblond gefärbtes Haar, das an den Spitzen mit pinken Strähnchen und Kronkorken verziert ist. Im Schatten der Bäume sitzt sie auf einem Steinrondell im Berliner Mauerpark und denkt über ihre Zeit auf der Straße nach. "Bereuen tu' ich in erster Linie gar nix", sagt sie. "Aber ich würde manche Entscheidungen jetzt anders treffen". Ob sie im Rückblick doch besser zuhause geblieben wäre, weiß sie nicht. Ein paar Drogen würde sie aber weglassen und das viele Trinken, das sie so fertig gemacht hat. "Andererseits habe ich Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte", sagt Sophia. Sie hat zum Beispiel viele hilfsbereite Menschen kennengelernt. Und gelernt, sich durchzuschlagen. Darüber wie sie sich damals wirklich gefühlt hat, spricht sie kaum. "Ich bin nicht stolz auf das, was ich hinter mir habe, ich war damals zum Beispiel nicht sehr nett zu meiner Mutter. Aber ich bin stolz darauf, dass ich das Verhältnis zu ihr wieder halbwegs aufgebaut habe. Und ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin."

Ausreißen? Was tun, wenn's Zuhause zu viel wird?

Die goldene Regel: drüber reden. Mit wem? Dazu haben wir mit Experten gesprochen und ein paar Tipps gesammelt.

Tipps holen

Der erste Kontakt zur Mutter fand vor ein paar Jahren in Begleitung von Karuna statt – "ohne die wäre es bestimmt schief gegangen", sagt Sophia. Die Leute von Karuna lernte sie gleich am Anfang ihrer Zeit draußen kennen – am "Fressbus", wie Sophia und ihre Freunde den Versorgungsbus nennen, an dem Berliner Straßenkinder sich warme Mahlzeiten abholen können. Mittlerweile hat Sophia sich mit ihrer Mutter ausgesprochen, das Verhältnis ist heute wieder ganz o.k. Auch zu ihrer jüngeren Schwester hat sie einen ganz guten Kontakt. 

"Rumhängen in Magdeburg ist ja noch schlimmer als Rumhängen in Berlin"

© Babette Brühle

2014 fand der erste Bundeskongress der Straßenkinder statt.

Sophia hat irgendwann ihren Tiefpunkt erreicht, als die Tage sich nur noch öde wiederholten und sie merkte, dass die Welt ihr doch eigentlich mehr zu bieten haben könnte. Da hat sie dann begonnen aufzuräumen in ihrem Leben. Angefangen hat das mit dem Freiwilligen Ökologischen Jahr, das sie 2009 in Magdeburg gemacht hat. Dahin war sie mit Freunden gegangen, weil sie "einfach mal aus Berlin raus wollten". "Aber Rumhängen in Magdeburg ist ja noch schlimmer als Rumhängen in Berlin", sagt Sophia lachend. Also suchte sie sich eine Aufgabe und hielt durch.

Mittlerweile hat sie auch ihr MSA, die Abschlussprüfung nach der zehnten Klasse nachgeholt. Ein Jahr lang jeden Tag hat sie von 8 bis 16 Uhr dort gelernt. Sie wusste: Ich muss das jetzt packen. Jetzt arbeitet sie ehrenamtlich für Karuna und ist Sprecherin der Ständigen Vertretung der Straßenkinder. Sie wohnt dauerhaft in einer Einrichtung des Vereins in Jamlitz bei Cottbus. Gerade hat sie tolle Neuigkeiten bekommen. Sophia zieht eine Klarsichtfolie mit Papieren aus ihrem Stoffrucksack und wedelt freudestrahlend damit in der Luft herum: die offizielle Zusage für einen Platz in einem therapeutisch betreuten Wohnen in Berlin-Pankow. Hier kann sie dann, wenn alles klappt, mit zwei Mitbewohnern leben, endlich zurück nach Berlin. Das Büro der Betreuer ist gleich im Haus, die sind dann für sie da, wenn sie Hilfe braucht.

© Babette Brühle

Lust auf das, was kommt: Eine neue WG und vielleicht das Abi machen, das sind Sophias Pläne.

Denn ein bisschen Hilfe braucht Sophia heute immer noch. Die Rastlosigkeit von der Straße, das Nie-wissen-wohin, hat sie geprägt. "Aber ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich will weiterkommen", sagt Sophia. Als nächstes will sie ihr Abitur nachholen und dann am liebsten Soziale Arbeit studieren. Und Sophia hat noch ein großes Projekt vor sich: Sie möchte gerne viel mehr Frau sein, als sie es heute schon ist, eine Psychotherapie und eine Hormontherapie machen. Bis zu ihrem Coming-out im letzten Jahr hatte Sophia noch einen männlichen Vornamen. Langweilig klingt ihr Leben jedenfalls nicht. Und Sophia schaut gespannt nach vorne.


Text: Imke Emmerich

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