Ich bin ein echter Mann – oder?

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Gender

Mädels was wollt ihr? Macho ist out, Softie auch nicht wirklich in. Mitunter legen Männer leicht nerviges Verhalten an den Tag, um zu beeindrucken. Aber braucht das überhaupt noch wer? Eine persönliche Sicht zum Verlust der klassischen Männlichkeit.

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Es ist verwirrend: Macker oder Nerd? Am liebsten beides? Sich eine neue Rolle zu suchen, ist für Männer gar nicht so leicht.

Mädels, was wollt ihr: Smarte Beschützer, sexy Macker oder doch eher den leicht verunsicherten Typen, der mehr kann als nur Fischstäbchen braten? Unser Autor Ole versucht das Durcheinander zu entwirren.

Ich glaube, ich mache mich gerade wieder lächerlich, aber irgendetwas zwingt mich so zu handeln: Kurz nachdem meine Freundin schlafen gegangen ist, gehe ich auf meinen abendlichen Streifzug durch die Wohnung. Ich marschiere von der Tür zu den Fenstern und schließe alles ab. Ich garantiere in meinen vier Wänden (meiner Höhle) die Sicherheit meiner Freundin. Was zum Teufel mache ich da?

Immer nachts kommt dieser Beschützerinstinkt plötzlich bei mir durch. Dabei habe ich keine Ahnung, was ich sagen würde, wenn mich dann doch der gefürchtete Kettensägenmörder anglotzt. Wie wäre es mit: "Hey du, verschwinde! Und tritt ja nicht auf die blümchenverzierte Fußmatte, sonst komm ich!“ Nicht nur, dass ich gegen einen echten Bösewicht kaum etwas ausrichten könnte; ich habe mich sogar noch nie im Leben geprügelt.

Große Muskeln, großes Ego?

Es wirkt fast so, als würden die Männer versuchen, jetzt wo die Mädels längst dieselbe intellektuelle Arbeit leisten, wieder einen Bereich zu schaffen, in dem sie die Besten sind. Vielleicht ist es eine Art männlicher Trieb, immer irgendwo der Größte (oder zumindest der mit dem größten Bizeps) sein zu wollen. Denn seitdem die Mädels mit Recht emanzipiert sind, selbst in schweißtreibenden Arbeiten laufen sie uns den Rang ab, wird unser Terrain extrem eng. Ob die Arbeit intellektueller, sozialer oder körperlicher Natur ist: Ihr Frauen braucht im Prinzip gar keine Unterstützung von uns Männern, ihr wuppt nämlich schon alles alleine. 

Was bedeutet es heute ein Mann zu sein? 

Nie war das Bild vom männlichen Ideal so unscharf wie heute: Ihr mögt den dünnen Indie-Jungen mit langen Haaren, den karrieregeilen Mustersohn, den muskulösen Philosophiestudenten, den alternativen und uneigennützigen Hipster oder den familienfreundlichen Surfertypen. Die Folge ist, dass wir dadurch immer mehr verunsichert werden. Was mögt ihr an uns? Was findet ihr doof? Am besten sollten wir gut aussehen, aber nicht zu eitel sein, stark sein, aber auch mal weinen können, intelligent sein, aber nicht zu eingebildet. Hältst du einer Frau die Tür auf, kommt prompt ein "Danke, ich kann das ganz gut alleine!" Hältst du einer Frau wiederum nicht die Tür auf, kassierst du ein vernichtend-zynisches "Sehr charmant." Wir können es schlicht und einfach nicht richtig machen. Gut, wir sind manchmal etwas lahm in unserer Wandlungsfähigkeit, aber stellen wir dadurch nicht eine Art Konstante für euch dar?

"Mittlerweile wisst ihr, dass wir nicht die Schöpfer des Universums sind"

So eine Konstante, so eine simple Leitlinie, die hätten wir auch manchmal ganz gerne. An welcher Grundidee kann man sich noch festhalten? Die "Jäger und Sammler"-Idee funktioniert längst nicht mehr. Alles, wofür der Mann von Natur aus geschaffen wurde (stark zu sein und Nahrung ranzuschaffen), ist heute hinfällig. Was bleibt uns also übrig? – Jetzt wo rausgekommen ist, dass wir nicht die Schöpfer des Universums sind, sondern nur jahrhundertelang behauptet haben, wir seien es.

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Ein kleiner Rest Beschützerinstinkt wohnt dem Mann anscheinend noch inne. Und auch beeindrucken würde er nach wie vor recht gerne. Nur wen? Denn das schwache Geschlecht hat sich längst gewandelt. Da muss man(n) erst mal hinterherkommen.

Und das ist der Knackpunkt: Wir wollen euch beeindrucken. Daher kommt unsere schwachsinnige Begeisterung fürs Grillen, für Biersorten oder Computer-Experte zu sein – oder was es sonst nicht alles gibt. Aber mal ehrlich: Wer von euch Mädels will noch eine private Führung im Modellbaukeller bekommen oder die Auserwählte sein, die unsere kostbare MAGIC-Kartensammlung ansehen darf?

Ihr braucht das nicht. Aber wir brauchen dieses leicht prollige Expertentum in Bereichen, die euch völlig belanglos vorkommen müssen. Wir machen uns wichtig, weil unsere Existenzberechtigung anderswo immer weiter abflaut; wir messen unserer Männlichkeit mit diesen kleinen nerdigen Leidenschaften wieder Bedeutung bei. 

"Die ganze Entwicklung ist ja auch noch recht jung, das wird schon alles"

Vielleicht sind harmlose Hobbykeller-Aktivitäten das kleine Eiland, das wir uns erhalten dürfen: Und dann ist alles möglich. Wenn wir uns vom Verlust der klassischen Männlichkeit nicht verunsichern lassen – dann können wir uns genauso wandeln wie es die Mädels in den letzten Generationen gemacht haben. Wir können uns doch auch ehemaligen, klassisch weiblichen Domänen annehmen! 

Ich zum Beispiel koche für meine Leben gern und komme damit ganz gut an. Wenn ich so drüber nachdenke, brauche ich nicht meine Männlichkeit zu beweisen, sondern nur meine Persönlichkeit. Wenn wir es hinkriegen uns von diesen ganzen Gender-Scheuklappen zu lösen, dann wäre doch alles viel entspannter und gerechter und man könnte sich wieder auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren. Die ganze Entwicklung ist ja auch noch recht jung, das wird schon alles. Und noch interessanter als die Frage "Was für ein Mann bin ich?" ist ja vielleicht auch, was für ein Mensch ich bin.  

P.S.: Es wird schon wieder dunkel. Vielleicht zeige ich meiner Freundin gleich so ganz nebenbei mal, wie man die Rollos abdunkelt und den ultimativen Fenster- und Türencheck macht. Darüber weiß ich nämlich eine ganze Menge. Beeindruckend, oder?!


Text: Ole Reinsberger

Wenn Ole nicht gerade Texte schreibt, studiert er Medientechnik, arbeitet als Tontechniker, Regieassistent und Schauspieler oder verbringt seine Zeit beim Kitesurfen. Er kocht auch extrem gerne – am besten sogar, wenn er dabei über das Leben philosophieren kann.