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Ehrenamt und Behinderung – Geht? Klar?!

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Woran denkst du zuerst, wenn du „Ehrenamt“ und „Behinderung“ hörst? Vielleicht an den Jungen, der sich in der Freizeit um einen Rollstuhlfahrer kümmert; das Mädel, das den blinden Kommilitonen in die Uni begleitet? Auch mal dran gedacht, dass sich Menschen mit Behinderung freiwillig für andere engagieren? Wir schon!

Christina zum Beispiel ist 26 Jahre alt, hat Spina bifida und sitzt deshalb im Rollstuhl. Seit einem Jahr hilft sie ehrenamtlich in einem Altenpflegeheim in Iserlohn – zuvor arbeitete sie als Teilnehmerin des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) in einem anderen Seniorenheim. „Nachdem ich meine Ausbildung zur Bürokauffrau absolviert hatte, war ich fieberhaft auf der Suche nach einem Job. Irgendwann entdeckte meine Mutter eine Anzeige des BFD in der Zeitung und ich dachte sofort: Das ist was für mich!“

Im BFD zu arbeiten, war aber erst einmal gar nicht so einfach. Viele Mitarbeiter trauten Christina nicht zu, dass sie tatsächlich mit anpacken kann. „Oft musste ich meinen Kollegen einfach nur erklären, was ich kann und was ich nicht kann, damit sie beruhigt waren. Manchmal half aber auch nur ein ernstes Machtwort – das kam dann entweder von mir selbst oder von meiner Chefin.“

Luisa: Unterstützerin

© privat

Luisa studiert in Würzburg und hilft nebenbei in einer Obdachloseneinrichtung.

Ähnlich holprig lief es bei Luisa, als sie einen Platz für ein Freiwilliges Soziales Jahr suchte – zunächst. Oft waren nämlich die Zimmer der Knackpunkt: Kommt sie mit dem Rolli überall hin? Für ihren späteren Chef beim Bayerischen Roten Kreuz war die Sache ganz einfach, erzählt die 20-Jährige: „Er zeigte mir die Räumlichkeiten und sagte, wenn ich damit zurechtkomme, wäre ihm der Rest egal.“

Luisa kam gut klar. Bis es bei allen Kollegen Klick gemacht hat, dass eine Behinderung nicht hilflos macht, dauerte es allerdings ein bisschen. „Besonders im sozialen Bereich sieht man Menschen mit einer Behinderung eher in der Rolle eines Klienten und es fiel einigen meiner Kollegen schwer, mich als Unterstützerin zu sehen“, sagt Luisa. Die Mitarbeiter ohne Behinderung wechselten zum Glück bald ihre Perspektive.

Denn Unterstützerin zu sein war genau Luisas Ding: In der Servicezentrale organisierte sie den Fahrdienst, nahm Telefonate entgegen und kümmerte sich um eingehenden Hausnotrufe. Stürzte beispielsweise eine ältere Dame in ihrer Wohnung, schickte Luisa den Rettungsdienst dorthin oder leitete andere Hilfsmaßnahmen ein.

Christina: Anpackerin

© privat

Christina arbeitet ehrenamtlich mit in einem Serionheim.

Selber austesten, was man schaffen kann und wie man sich weiterentwickeln will, das war eine Motivation von Christina – neben vielen anderen. „Durch das Ehrenamt habe ich gelernt, was ich wirklich kann und wo meine Grenzen sind“, sagt die Fachabiturientin heute. „Zum Beispiel habe ich gemerkt, dass es manchmal nicht ausreicht, meinen nichtbehinderten Mitmenschen einfach nur zu erklären,dass ich mitanpacken kann. Manchmal musste ich buchstäblich für mich und meine Fähigkeiten gerade stehen.“

Nachdem sie im BFD jeden Tag ältere Menschen unterstützt hat, hilft Christina momentan alle zwei Wochen in einem Seniorenheim aus. Hier kümmert sie sich um demenzkranke Menschen: gemeinsam Kaffee trinken, bei alltäglichen Dingen wie Wäschefalten helfen oder einen Spieleabend gestalten. Die Menschen, die sie dort trifft, erleben wie ihre eigene Erinnerung verschwindet, wie Dinge, die einmal ganz leicht von Hand gingen, plötzlich Mühe bereiten. Gemeinsam mit Christina fällt ihnen der Umgang mit der Veränderung leichter. „Meine Behinderung lässt die Bewohner darüber nachdenken, was sie eigentlich noch können. Ihnen macht es Spaß, das mit mir zu trainieren.“

Genau wie Christina konnte es auch Luisa nach dem FSJ nicht lassen, sich weiter für andere einzusetzen. Mittlerweile engagiert sie sich in der Obdachlosenhilfe – neben dem Studium. „Mit Menschen zu arbeiten ist häufig anstrengend, aber man erfährt so viel Wertschätzung wie sonst in kaum einem Arbeitsfeld. Es ist wichtig, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen.“
 

Wie immer beim Ehrenamt geht es darum, etwas zu finden, was wirklich zu einem passt

Wie immer beim Ehrenamt geht es darum, etwas zu finden, was wirklich zu einem passt. Keiner muss der Super-Ehrenamtler werden. Man kann ausprobieren, welche Aufgaben man übernehmen kann und will. Und dabei geht es nicht nur darum, die körperliche Belastung einzuschätzen. Jede Aufgabe stellt einen vor andere Herausforderungen. Die Bandbreite der Freiwilligenarbeit ist groß: Telefonseelsorge beim Mädchennotruf, inklusive Sportevents organisieren oder Kreativkurse geben – das sind nur einige Beispiele. Genauso wie Christina und Luisa nur zwei Beispiele von ganz vielen Engagierten sind.

Also nicht zu lange warten und herausfinden, was einen begeistert! Luisa hat noch einen Tipp für alle, die sich auch mit Behinderung ehrenamtlich engagieren möchten: „Man muss ehrlich zu sich sein und schauen, welche Arbeiten man tatsächlich verrichten kann. Doch auf jeden Fall sollte man dran bleiben!


Text: Cinderella Glücklich

Cinderella ist 22 Jahre alt und studiert Journalismus in Iserlohn. Wenn sie nicht gerade bloggt oder für JAM! schreibt, dann macht sie unter anderem die Pressearbeit für den Pferdeschutzverein Mosbachhof e. V. in Wiesbaden. Außerdem plant sie gerade ihr eigenes Projekt „FashionAbility“ über Mode und besondere Menschen. Ach ja, einen Rollstuhl hat sie auch noch. Hätten wir fast vergessen!


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