Anderssein

Für einen Tag: alles anders?

Schlagworte:
Gemeinsamkeiten,
Unterschiede,
Sport,
Musik,
Zukunft

Amelie ist 17 und liebt Musik und die Oper. Marcel ist 22, Fußballfan und spielt selbst Blindenfußball. Beide kennen sich nicht – das heißt: noch nicht. Einen Tag schnuppern sie hinein in die Welt des anderen. Und erzählen jeweils aus ihrer Perspektive: Alles anders?

Amelie, 17 Jahre, Bonn

Ich bin 17 Jahre, lebe in der Nähe von Bonn und ich singe in der Oper - das ist meine große Leidenschaft. Gerade bastele ich an meinem Abi und danach steht fest: will ich Psychologie studieren.

Marcel, 22 Jahre, Köln

Ich bin 22, studiere Sportmanagement in Köln. Auch sonst mache ich viel Sport, ich gehe Laufen und spiele Blindenfußball - seit einem Jahr bin ich an einer genetischen Augenerkrankung fast erblindet. Mein nächstes Ziel: mit meinem Laufpartner einen Marathon laufen.


Alles auf Anfang: der Morgen

08:30 Uhr
Amelie: Zeit zum Aufstehen. Blauer Himmel, Kaffeeduft, mein Hund schnarcht noch. So darf es bleiben. Nur noch einmal kurz die Augen zumachen...bis mir einfällt: heute treffe ich mich mit Marcel.

9:00 Uhr
Marcel: Der Wecker klingelt, ein kurzes Frühstück, nach der Sporttasche greifen und dann ab zum Training – so sieht normalerweise mein Samstagmorgen aus. Ich spiele Blindenfußball beim PSV Köln. Mich zusammen mit meinen Fußballkollegen (die genau wie ich blind sind oder einen „Seh-Rest“ haben) in meiner Lieblingssportart zu messen, macht einfach Spaß. Heute wird’s ausnahmsweise anders. Auch darauf freu‘ ich mich!

10:57 Uhr
Amelie: Ich bin mal wieder spät dran und trudele gehetzt am Bahnhof ein, eine Minute bevor der Zug ankommen soll. Die große Uhr zeigt 11:07 Uhr. Vor Schreck brauche ich einen Moment, um zu begreifen, dass sie falsch geht.


Kurz vor High Noon: Herzklopfen

11:15 Uhr
​Amelie: 
Langsam macht sich die Aufregung bemerkbar. Den ganzen Tag mit einem Fremden verbringen...Oh Gott, Hauptsache wir verlieren uns nicht in peinliches Schweigen!

11:20 Uhr
Marcel: Mit Amelie bin ich um halb 12 Uhr am Neumarkt in Köln verabredet. Ein bisschen Zeit ist noch. Ich merke, dass ich jetzt doch leicht nervös bin, da ich nicht genau weiß, was mich erwartet.

11:35 Uhr
Amelie: Angekommen - und orientierungslos! Wie soll ich ihn am Neumarkt bloß finden? Das Herz schlägt mir bis zum Hals.

11:37 Uhr
Marcel: Dank meines Smartphones kann ich mich direkt mit Amelie kurzschließen, wo sie ist, und gehe ihr entgegen. Auf halber Strecke empfängt mich direkt eine freundliche Stimme: Amelie.

11.40 Uhr
Amelie: Die ersten Sätze tauschen wir etwas verhalten aus, aber ich merk' sofort, er ist total nett, höflich und entgegenkommend.


Der Dribbel-Stopp: Sporthochschule

11:50 Uhr
​Marcel: Da mein Fußballtraining heute ausfällt, habe ich mich spontan dazu entschieden, Amelie meine Sportart Blindenfußball praktisch zu zeigen. Auf dem Weg bin ich in der Bahn entspannter, als wenn ich alleine fahre, da Amelie schnell und einfach zwei freie Plätze für uns findet. Wir kommen von Anfang an gut ins Gespräch und ich stelle fest, dass sie sehr offen, ehrgeizig ist und klare Vorstellungen hat, was sie nach dem Abitur machen möchte.

12:20 Uhr
Marcel: 
Auf den Jahnwiesen direkt neben der Sporthochschule machen wir uns bereit. Amelie mit einer Augenbinde, damit wir die gleichen Voraussetzungen haben. Das Zusammenspiel klappt ganz gut, wenn auch der Ball manchmal ein Hindernis zu sein scheint...

12:30 Uhr
Amelie: 
Konzentration! Nur auf den Ball hören (und Marcel)! Ich kichere beim Blindenfußball wie eine Siebtklässlerin, weil ich mich so untalentiert fühle. Spätestens jetzt muss jeder merken, dass ich sonst nur Volleyball spiele.

Blindenfußball

Wie funktioniert das - den Ball spielen, ohne ihn zu sehen? Aufs Hören kommt's an: unter dem Leder des Fußballs stecken nämlich sechs Rasseln. Damit Spieler, die blind sind, und die, die noch einen minimalen Seh-Rest haben, unter den gleichen Voraussetzungen kicken, tragen die Feldspieler übrigens Dunkelbrillen. Noch mehr über die Sportart - wann gejubelt wird oder wie ein Match funktioniert, kann man auf der Seite der Blindenfußball Bundesliga nachlesen oder beim DBSV.

13:00 Uhr
Amelie:
Erst jetzt kommt das Thema Blindheit wirklich zur Sprache. Die Fragen, die ich stelle, haben bestimmt schon etliche vor mir gestellt... Marcel erzählt mir, dass er durch eine genetische Augenerkrankung vor einem Jahr erblindet ist. Ich bin beeindruckt, wie er von seinem Leben erzählt.

Marcel: "Wie viel siehst du noch? Wie kommst du zurecht?" Meistens kann ich auf die erste Frage nur mit einer Zahl antworten, weil es einfach schwer zu beschreiben bleibt: ein Prozent - so viel Sehfähigkeit habe ich noch. Meistens antworte ich auf die zweite Frage, dass das Leben jetzt strukturierter abläuft, man muss mehr planen, es ist weniger flexibel. Auch was Wege angeht. Aber das klappt auch, wenn ich mit Freunden etwas trinken geh, machen wir einen genauen Treffpunkt aus oder die anderen holen mich ab.


Ein bisschen 80er: beim Musical

14:00 Uhr
Amelie: 
Da die Oper in der Sommerpause ist, haben wir uns für das Musical Dirty Dancing entschieden, damit Marcel auch etwas von meiner Leidenschaft, der Musik, kennenlernt. Ehrlich gesagt passt mir das ganz gut, da ich auch ziemlicher Fan von 80er Jahre Tanzfilmen bin.

Marcel: Beim Gedanken ans Musical ist mir schon etwas komisch – weil es für mich das erste Mal ist, dass ich so einen Auftritt nicht mit meinen eigenen Augen folgen kann. Aber deshalb solche Veranstaltungen ganz lassen?

14:10 Uhr
Amelie: 
Auf dem Weg zum Musical Dome platze ich damit heraus, dass ich ständig das Bedürfnis habe, ihn unterzuhaken und zu führen. Er erklärt, dass er damit kein Problem habe, und von da an ist der Bann gebrochen und ich führe ihn den Rest des Tages durch die Menschenmassen.

Marcel: ​Mittlerweile sind wir uns etwas vertrauter, sodass ich mich ohne Probleme auf Amelie verlassen kann, die mich sicher an Hindernissen vorbei und durch die Menschenmengen durchführt.

15:00 Uhr
Amelie: Spot auf die Bühne: Es geht los. Ich stehe die ganze Zeit unter Strom, immerhin habe ich das Ganze vorgeschlagen. Es wird mehr getanzt, als ich vorausgesehen hatte und ständig überlege ich, wann es nötig ist, zu erklären, was passiert.

Marcel: Start Gong – Stille im Saal. Es geht los. Da ich den Film nicht kenne, weiß ich vorher nur, dass es um eine Lovestory geht. Die Erzählstimme zu Beginn des Musicals und die Stimmen der Darsteller helfen mir, mir ein Bild von den Akteuren und der Handlung zu machen. Verwundert bin ich nur, wenn das Publikum lacht. Doch meistens folgt sofort eine Erklärung von Amelie und ich bin überrascht, wie gut ich der Story folgen kann.


Nur eine Station: Bis zum Abschluss-Ständchen

17:30 Uhr
Amelie: Wir wollen noch etwas essen und müssen eine Station mit der Bahn fahren: Die ist relativ voll. Ein älterer Mann besteht nachdrücklich darauf, dass Marcel sich auf den letzten freien Platz setzt – aus Sicherheitsgründen. Hinterher erklärt Marcel mir, dass er vor allem die Hilfe von älteren Menschen oft aus Höflichkeit annehme, weil die sonst gekränkt seien. Und natürlich die von jungen, netten Frauen, Zwinker Zwinker.

Marcel: Mir ist die Hilfsbereitschaft und die Sorge der Anderen durchaus bewusst, letztlich bleibt‘s aber meine Entscheidungsfreiheit. Wirklich schaden tut‘s jedenfalls nicht.

19:30 Uhr
Amelie: 
Nachdem wir uns die Bäuche mit belgischen Pommes vollgeschlagen haben, pilgern wir in den Stadtgarten. Wir quatschen uns die Münder fusselig und am Ende schulde ich Marcel nach seinem Sportteil, natürlich noch ein Ständchen. Ganz der Charmeur erklärt er, wenn einer seiner Freunde so gut singen könnte, würde er sich jeden Abend etwas vorsingen lassen.

Marcel: Zum Ende des Tages folgt noch ein kleines Highlight. Amelie, die selbst leidenschaftlich Opern aufführt und singt, gibt mir eine Gesangskostprobe. Mit ihrer gefühlvollen Stimme singt Sie „On my own“ aus Les Miserables. Es ist ihr zunächst etwas unangenehm, was ich aber gar nicht nachvollziehen kann!

20:40 Uhr
​Marcel: Dann verabschieden wir uns. Ich finde es immer wieder schön, neue Leute kennen zu lernen. Und heute war wieder so ein Tag, der sich gelohnt hat.

Amelie: Nach guten neun Stunden trennen wir uns wieder. Ich bin mir sicher: Man wird sich wieder treffen.