Zukunft ist der nächste Tag

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Was bringt die Zukunft? Diese Frage zu beantworten, ist für Baschara nicht leicht. Vor drei Jahren ist der 25-Jährige aus seiner Heimat, dem Tschad, geflohen. Heute lebt er als Flüchtling in Berlin, doch sein Asylstatus ist ungewiss. Manchmal weiß er nicht, wo er in den nächsten Wochen übernachten kann. Ein Gespräch über die Zukunft.

In einer Küche in Berlin treffen wir uns zum Interview. Baschara kommt mit seinem Freund Gaba, der ihm bei der Übersetzung hilft.

© Imke Emmerich

Eigentlich hatte ich als Kind viele Träume von einem schönen Leben in meiner Heimat.

JAM!: Baschara, möchtest du uns kurz erzählen, wer du bist?

Ich bin aus dem Tschad, vom Stamm der Goran. Zuhause waren wir fünf Geschwister, ich habe noch einen älteren Bruder und drei Schwestern, meine Mutter und meinen Vater. Zur Schule gegangen bin ich nie, denn ich habe in dem Kleiderladen meines Vaters gearbeitet. Eines Tages haben die Militärs meinen Vater und meinen Bruder verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Sie denken, mein Vater sei ein Rebell. Ich weiß nicht, wo beide jetzt sind oder ob sie überhaupt noch leben. Aus Angst vor den Soldaten bin ich selbst aus dem Land geflohen – für viel Geld.


© fotolia

Die Republik Tschad liegt in Zentralafrika. Etwa 200 verschiedene Ethnien leben heute in dem Land, einer ehemaligen französischen Kolonie. Auch wenn der Tschad heute insgesamt als stabil gilt, sind Korruption, Übergriffe und Menschenhandel verbreitet. Tatsächlich gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Bürgerkriege. Verschiedene Rebellengruppen, auch aus dem benachbarten Sudan, tobten in dem Land und kämpften gegen die Regierungstruppen von Präsident Idriss Déby, der seit 1990 im Amt ist. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft dem Präsidenten vor, dass er Regierungskritiker brutal unterdrücken würde und sich nicht für die Verbesserung der Menschenrechte im Land einsetzt, wie er es versprochen hatte.


Wie war das Leben, als du noch ein Kind warst: Wie hast du dir damals deine Zukunft vorgestellt?

Eigentlich hatte ich als Kind viele Träume von einem schönen Leben in meiner Heimat. Aber im Tschad regiert ein Präsident, der sich nichts aus den Wünschen seines Volkes macht. Er kümmert sich nicht um Schulen, es werden keine Krankenhäuser gebaut, es gibt nicht genug Medizin – vielen Menschen geht es deshalb nicht gut. Weil das Leben dort so schwierig ist, und weil es in den letzten Jahren immer wieder Kriege gab, verlassen viele das Land. Man sieht dort keine Zukunft für sich. Wenn du als Kind nicht zur Schule gehen kannst und alles um dich herum in schlechtem Zustand ist: Wie kannst du dir da deine Zukunft vorstellen?

Wie gehst du mit dieser Vergangenheit um?

Ich versuche zu vergessen und weiterzuleben. Ich mag meine Heimat, ich habe schließlich auch meine Familie im Tschad. Manchmal kann ich mit ihnen telefonieren. Meiner Mutter habe ich aber nicht erzählt, wie mein Leben hier aussieht. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht. Sie denkt, mir geht es hier gut. Zurückgehen kann ich aber auch nicht, davor habe ich Angst.

Also weiß ich an einem Tag nie, was am anderen Tag passiert. Irgendwann wäre es schön, wenn ich mich ausruhen könnte.

Seit über drei Jahren bist du nun in Europa. Gelingt es dir hier, einen Plan für deine Zukunft zu schmieden?

Jeden Tag über meine Zukunft nachzudenken ist unmöglich. Ich habe keine Arbeit und langfristig kein Dach über dem Kopf. Ich muss von einem Tag auf den anderen leben. Das wichtigste für mich wäre, zur Schule zu gehen. Aber dazu brauche ich Hilfe, denn als illegaler Einwanderer habe ich keine Rechte. Das Problem ist: Ich bin jetzt fast vier Jahre hier. Ohne Pass, ohne Job, ohne ein festes Zuhause. Vielleicht sehen die nächsten Jahre genauso aus und ich habe nichts geleistet, bin keinen Schritt weitergekommen? Wenn sich nichts verändert, im Vergleich zu dem Tag, an dem ich herkam, dann kann ich auch hier nicht mehr an eine Zukunft glauben. Ich hoffe also, dass ich etwas erreiche in den nächsten Jahren. Zurückblicken kann ich nicht. Nach vorne schauen ist schwer – aber am Ende muss ich das versuchen.

Glaubst du, dass du trotz der schwierigen Situation dir selbst helfen kannst um weiterzukommen? Ich weiß, dass du viel Deutsch übst.

Ja, wenn ich die Sprache beherrsche, kann ich auch meine Probleme besser lösen. Dann kann ich die Menschen verstehen und sie mich. Deutsch lernen ist für mich ein Schlüssel, um voranzukommen. Ich hoffe – jetzt bin ich ja noch jung. Aber da ich in Italien angekommen bin und daher dort als Flüchtling registriert wurde, ist Deutschland für mich rechtlich nicht zuständig. Ich würde gerne hierbleiben. Wenn ich ein Visum bekäme, zur Schule gehen könnte und eine Ausbildung hätte – ja, dann könnte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber im Moment hänge ich von anderen ab. 

In den letzten Jahren bist du immer wieder umgezogen, von einem Schlafplatz zum nächsten. Mit anderen Flüchtlingen habt ihr gezeltet, wart bei Familien untergebracht oder in einem Gemeinderaum. Ist es nicht furchtbar anstrengend, nie zu wissen, wo du im nächsten Monat unterkommen kannst?

Ich denke oft daran, wo es wohl als nächstes hingeht. Denn irgendwann ist immer der Tag da, an dem wir wieder umziehen müssen. Wir haben auch schon ein paar Wochen in einer Kirche schlafen können, aber auch dort mussten wir wieder raus. Also weiß ich am einen Tag nie, was am anderen Tag passiert. Irgendwann wäre es schön, wenn ich mich ausruhen könnte. 

Über Baschara

Baschara ist 25 Jahre alt und kommt aus dem Tschad. Von dort ist er geflohen – für viel Geld. Er wollte weg, weil er Angst um sein Leben hatte. In Lastwagen reiste er in den Niger und dann weiter nach Libyen. Von dort auf einem Boot zwei Tage über das Mittelmeer, ohne Wasser und Essen, mit vielen anderen Flüchtlingen. Im August 2011 kam Baschara in Italien an und auf der Insel Lampedusa in ein Auffanglager der italienischen Behörden. Über Umwege ist er dann nach Deutschland gekommen. Hier ist sein Status unsicher, momentan gilt er als illegaler Einwanderer. Er hofft darauf, dass er bleiben darf.


Interview: Imke Emmerich