DIY für Fortgeschrittene: Ein Roboterarm für Silas

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Silas ist querschnittsgelähmt und bei jeder Kleinigkeit auf andere angewiesen. Fynn Kliemann ist YouTuber, selbsternannter "Heimwerkerking" und wollte was ändern. Und hat losgelegt.

Eigentlich hat Fynn Kliemann, 27, kaum Ahnung vom Heimwerken und wenn dann sind das ziemlich wilde Skills. Auf seinem YouTube Kanal "Heimwerkerking" tüftelt er dennoch was das Zeug hält – auf ziemlich lustige Weise bastelt er extravagante Grills, Hühnerställe oder einen Würstchen-Selfiestick. Er baut Sachen für sich oder Leute, die er nett findet. Einer davon ist Silas. Für den querschnittsgelähmten Schüler aus Oldenburg hat er einen Roboarm gebastelt. Auf den ersten Blick fällt das Video etwas aus der Reihe.


Ende letzten Jahres erhält Fynn eine Mail von Codo, der Mutter von Silas. Silas, 16, sitzt seit einem Sturz vom Baum im Oktober 2015 im Rollstuhl. Seine Arme und Beine kann er nicht mehr bewegen. Für jede Kleinigkeit braucht er die Hilfe von anderen. Hol mir mal mein Smartphone, ich habe Durst, mich juckt es hier. Ganz schön anstrengend. Silas Mama fragt Fynn deshalb spontan an, ob er nicht etwas für ihren Sohn basteln kann, damit der ein wenig selbstständiger leben kann.

Ich hätte nur ein Viertel so viel Stress mit meiner Situation, wenn ich Arme hätte.

"Eines Tages meinte meine Mama dann zu mir, dass Fynn Kliemann demnächst vorbeikäme", erzählt Silas. "Fynns Videos kannten wir. Der ist witzig, einer der rumprobiert, wenn es am Ende nichts gibt, ist das halt so". Mehr weiß er bis dahin noch nicht. Auch Fynn weiß noch nicht genau, was ihn erwartet: "Ich hatte ziemlichen Respekt vor der Thematik und vor dem, was Silas passiert ist", erinnert sich der Youtuber, der eigentlich als Webdesigner arbeitet. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es ist, mit einer Querschnittslähmung zu leben. Von Robotern hat er (natürlich) keine Ahnung, vom Programmieren sowieso nicht. Aber er nimmt sich der Sache an, klar.

Fynn besucht Silas in der Hamburger Unfallklinik und lässt sich von ihm erzählen, wie es ihm jetzt geht. "Ich hätte nur ein Viertel so viel Stress mit meiner Situation, wenn ich Arme hätte", sagt Silas da. Fynns "Projekt Roboarm" ist geboren, auf geht's.

Das war echt das Schwierigste, was ich jemals gebaut habe.

Fynn recherchiert, schleppt einen Ständer seines Schlagzeugs vom Dachboden und feiert erste Erfolge mit der Sprachsteuerung. Insgesamt vier Wochen arbeitet sich der Freestyle-Heimwerker in die Robotertechnik ein. Ein harter Brocken, erinnert er sich: "Das war echt das Schwierigste, was ich jemals gebaut habe. Im Video ist das ja total stramm zusammengeschnitten und ich habe nicht mal alles mitgefilmt". Da Silas lediglich seine Stimme und einen "Mundstift", also einen Stab, den er mit dem Mund lenkt, nutzen kann, beschränkt sich die Steuerung des Roboterarms auf Sprachbefehle und ist damit ganz schön kompliziert.

Obwohl Fynn sonst eher Spaß-Projekte angeht, wollte er die ernste Seite hier nicht vertuschen. "Das, was Silas passiert ist, ist beschissen, aber jetzt muss man damit leben und das Beste daraus machen. Es sollte keine wehleidige Geschichte werden, aber ich wollte auch nicht zu locker mit dem Thema umgehen“, meint Fynn. Am Ende fährt er wieder zu Silas in die Klinik und präsentiert ihm "Jasper", seinen neuen Roboarm, der ihm das Smartphone auf Augenhöhe fährt oder auf Befehl wieder wegnimmt. "Klar, ist das noch nicht optimal, aber es ist ein Anfang", sind sich die beiden einig. Bei dem Projekt sei es übrigens gar nicht unbedingt darum gegangen, dass Fynn die große Lösung fände. Sondern auch darum, mehr Leute zu erreichen, die vielleicht helfen könnten, erzählt Silas.

Die Videos, die ich sonst mache, sind eher Schrott. Das war mein erstes Video mit einer Botschaft.

Das hat funktioniert. Das Video hat große Wellen geschlagen. Es haben sich Leute mit Programmierungstipps und 3-D-Druckern gemeldet, Leute von Unis, allgemein sehr viele Leute. "Das ist wirklich toll", meint Silas. "Ich hatte jetzt sogar für einen Tag einen professionellen Roboterarm im Test, der direkt an meinem Rollstuhl angeschlossen war". Das war schon mal gut zum Herumprobieren. Er kann sich damit zum Beispiel selbst ein Brötchen anreichen. Auf seinem Tablet guckt er Serien, bei Skype ist er fast den ganzen Tag online.

Was genau Silas im Alltag braucht, wird sich allerdings erst zeigen, wenn er Mitte Mai wieder zu Hause bei seinen Eltern in Oldenburg ist. Bis dahin leitet Fynn fleißig alle Mails an ihn und seine Mama weiter. Für den Youtuber war der "Roboarm" vor allem ein Lernprojekt, das Spaß gemacht, aber ihn auch nicht ganz kalt gelassen hat. Fast selbst ein bisschen erstaunt über seine großen Worte stellt er fest: "Die Videos, die ich sonst mache, sind eher Schrott. Das war mein erstes Video mit einer Botschaft".


Text: Milena Zwerenz