Anderssein, Freundschaft

„Hast du keine Freunde?“

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Och nee, schon wieder ein Klischee: Was ist dran an der Story vom einsamen Gamer? Konsolen angeworfen und nachgefragt.

cc-by-2.0 JD Hancock/flickr

Strahlend blauer Himmel. Der Park quillt über vor Menschen. Manche joggen. Andere sitzen am Wasser und quatschen mit Freunden. Über die Schule, über Mädchen und Jungs, die sie am Wochenende kennen gelernt haben. Es wird viel gelacht. Und Eis gegessen.
Heute ist der perfekte Tag, um rauszugehen.

Die Vorhänge runter. Mit einem Piepsen geht die Xbox an. Das Logo plärrt über den Fernseher. Neben dem Sessel steht 'ne Flasche Cola und eine Tüte saurer Gummi-Kram. Der nächste Endgegner wartet schon. Continue? Aber ja!
Heute ist der perfekte Tag, um drinnen zu bleiben.

Während der Ladebildschirm von „Dark Souls“ einen Lichtschein ins Wohnzimmer wirft, ploppt die Frage im Kopf auf, wie eine Chat-Nachricht auf dem Bildschirm: „Macht das hier einsam?“.

Beinahe jedem, der in seiner Kindheit oder Jugend Videospiele spielt, wird diese Frage gestellt. Nur, dass sie meist als Vorwurf kommt. Von Freunden. Von den Eltern. „Geh mal raus.“ „Das kann doch nicht gesund sein“. „Ständig hängst du vor der Glotze“. Immer schwingt dabei mit, dass Spiele uns einsam machen. Das wir links und rechts nichts mehr mitbekommen, wenn ein Spiel läuft.

Allein auf Monsterjagd vs. Gemeinsam Tore jagen

„Eine Stunde am Tag, später waren es anderthalb Stunden.“ Laszlo hat gerade sein Abi gemacht. Der 18-Jährige aus Wertheim spielt seit neun Jahren. Als er mit 12 seine Liebe zu Rollenspielen wie „Gothic 2“ entdeckt, muss er noch an den Familienrechner. Und am Familienrechner gibt es feste Spielzeiten. 60 Minuten. 90 Minuten. Danach geht es wieder zurück in die reale Welt. „Klar kamen dann auch mal Sprüche, dass ich mal lieber raus soll, aber durch unsere Regelung ging das noch“, sagt Laszlo.

Seit er mit 14 den ersten eigenen Laptop bekam, kann Laszlo machen, was er will. Mit den Jahren hat er dann auch am PC mehr mit anderen gespielt. Online. Sich zusammen mit Freunden verabredet oder per Skype dazu gequatscht. Und natürlich kamen noch neue Online-Kontakte dazu, mit denen man in mystischen Welten die Zeit vergessen kann. „Bei 'League Of Legends' konnte schon mal ein ganzer Tag drauf gehen“, sagt Laszlo. „Eine Partie dauert 'ne halbe Stunde. Das läppert sich dann.“ Trotzdem ist er auch ohne PC gut ausgelastet; spielt mit den Kumpels Fußball im Verein, geht mit den Kollegen ins Fitnessstudio oder eben feiern. „Mama meint, dass ich mehr am Laptop hänge. Ich glaube, ich mache mehr Sport und geh´ raus“, sagt er und lacht.

Früher musste auch raus, wer Videospielen wollte. Raus in die Spielhallen – In den sogenannten Arcades der 80er standen dann Automaten wie „Pac-Man“ oder „Space Invaders“ rum. Münze um Münze wanderte in diese Automaten, nur damit man weiter spielen konnte. Und meistens stand man nicht alleine davor, sondern umgeben von anderen, die gebannt mit auf den Bildschirm starrten. Freunde waren dabei, und wenn gerade keine da waren, dann fand man sie schnell beim gemeinsamen Zocken.

Seit Spiele eher auf PCs und Konsolen zuhause sind, gibt es sie genau dort: Zuhause. Und manchmal sitzen wir da eben alleine vor dem Bildschirm. Egal ob wir jetzt mit Link in „Zelda“ durch das fantastische Hyrule reisen, mit Mario durch die Level hüpfen, in „Minecraft“ eigene Welten erschaffen oder in „Dark Souls“ auf Monsterjagd gehen.

Wettkampf an der Konsole

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Wer würde nicht gern mit diesem freundlichen Gameboy befreundet sein wollen? Allerdings heißt das noch lange nicht, dass beim Spiele-Zocken nicht auch echte Freunde mit dabei sind.

Eine Konsole hat sich Sarim aus Neu-Wulmstorf auch gekauft, nachdem er bei einem Freund das erste Mal eine Runde „FIFA Street“ gespielt hat. Eine Fußball-Simulation, die auf Straßen und öffentlichen Plätzen statt im Stadion stattfindet. „Nachdem ich das ausprobiert hatte, brauchte ich auch gleich eine“, sagt er. Seine Playstation hat er jetzt seit sechs Jahren. Heute ist Sarim 16 Jahre alt, bereitet sich an der Berufsschule auf seine Ausbildung zum Schreiner vor und hat kaum noch Lust, sich alleine vor die Konsole zu setzen.

Für ihn sind Videospiele ein Spaß mit Freunden. Eine von vielen Sachen, mit denen man sich die Nachmittage vertreibt. Nicht mehr, nicht weniger. „Wenn ich mit anderen spiele, dann habe ich ja jemanden, den ich besiegen will. Alleine ist das langweilig“, sagt er. „Da gibt es ja nur mich und den Computer. Soll ich mich dann etwa mit meinem Fernseher unterhalten?“

Sarim liebt Multiplayerspiele. Sportgames wie „FIFA“ oder Rennspiele wie „Need For Speed“ spielt er zusammen mit seinem Cousin oder wenn er mit Schulfreunden abhängt. Im Grunde sind diese Spiele eine Party für ein paar Freunde. Und ein bisschen so, wie die Automatenhallen von früher. Man trifft sich, hockt zusammen auf dem Sofa und versucht den anderen von der Piste zu schieben. Vom Platz zu fegen. Oder im Ring zu verdreschen.

Wer sollte sich dabei schon einsam fühlen?

„Ich habe ehrlich gesagt manchmal aber keinen Bock auf die anderen“ sagt Laszlo ziemlich bestimmt. Wenn er Rollenspiele spielt, braucht er niemanden neben sich. Und auch niemanden im Chatfenster oder über Skype. „Die Geschichten, die diese Spiele erzählen, sind für mich das wichtigste.“ Manche Spiele entfalten ihre Wirkung eben nur, wenn wir alleine sind. Allein sein ist ja auch nicht immer etwas Schlechtes. Wir lesen schließlich auch keine Bücher, während uns konstant jemand von der Seite zutextet.

Manchmal ist es trotzdem gut, wenn uns danach jemand wieder in die Realität abholt. „Bei mir ist es mein Laptop“, sagt Laszlo und muss lachen. „Der wird nach zwei Stunden so heiß, dass ich Pause machen muss.“ Und dann geht’s meistens nach draußen. Genau wie Sarim. „Ich hab mein geliebtes 'FIFA Street'“, sagt er. Aber noch mehr liebt er es, selbst mit dem Ball über den Platz  zu bolzen.

Die Sonne lugt hinter dem Vorhang ins Wohnzimmer hinein. Ein Eis könnte man mal essen gehen. Der Endgegner läuft ja nicht weg.

Text: Christian Neeb



Und: machen Games nun einsam? Oder ganz im Gegenteil?

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