Carlotta und Jasper - Geschwister-Tandem

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Wenn Jasper und Carlotta unterwegs sind, sagt sie, wo es lang geht: Na klar, sie ist die ältere Schwester – und sie hat eine Sehbehinderung. Welche Dinge sie ähnlich sehen, darüber haben sie mit uns gesprochen. Außerdem über Sonnenuntergänge, Untertitel und die Neuentdeckung des Fahrrads.

Manchmal gibt es schon komische Momente: "Wenn wir zum Beispiel auf dem Balkon stehen und ich sage ‘wow, toller Sonnenuntergang!’ und Carlotta nur meint ‘jaja witzig’”, erzählt Jasper. Er ist 19 Jahre alt seine Schwester Carlotta ist zwei Jahre älter und hat eine Sehbehinderung. Sie kann keine Farben sehen und ist sehr lichtempfindlich: "Die Ärzte sagen, dass ich nur 10 Prozent sehen kann“, erklärt sie, "aber ich weiß ja gar nicht, wie beispielsweise mein Bruder 90 Prozent mehr sehen kann oder nicht.”

Wer was wie sieht? Wer kann das schon so genau sagen? Dass Carlotta eine Sehbehinderung hat, bekommt man übrigens auch nicht so schnell mit, wenn man sie in einer Umgebung trifft, in der sie sich gut auskennt. Während die Geschwister für das Fotoshooting durch ihren Berliner Kiez laufen, sagt auch die ortskundige Carlotta, wo es langgeht. Einen Langstock oder dieses gelbe Zeichen mit drei Punkten hat sie nicht.

© Andi Weiland

Ansichtssache: Meistens spielt Carlottas Sehbehinderung keine Rolle.

Ampeln ohne Farben

Schwieriger wird es zum Beispiel im Museum. "Da lese ich ihr mal was vor, weil es zu klein geschrieben oder dunkel ist oder ich lese die Untertitel bei Filmen vor”, sagt Jasper. Aber sonst kommt es nicht unbedingt dazu: “Das mit den Ampeln habe ich irgendwann gelernt. Ich kann zwar keine Farben erkennen, aber ich merke, wann die Menschen neben mir laufen oder Autos stehen bleiben. Den Summer an der Ampel brauche ich nicht”, erklärt Carlotta. “In vielen Fällen ist es auch egal, aber bei meinen Klamotten möchte ich schon wissen, ob das farblich zusammen passt”, lacht Carlotta.

“Für mich als Bruder war die Sehbehinderung selten ein Thema, weil ich ja auch damit aufgewachsen bin”, erzählt Jasper, “In unserer Kindheit war das manchmal schwierig, weil Carlotta das Gefühl hatte etwas zu verpassen“. Heute ist das anders. Beide sind sehr unabhängig. Carlotta lebt schon länger in einer WG und auch Jasper ist auf dem Sprung auszuziehen. Die Geschwister verfolgen eigene Wege, auch wenn manchmal die Ziele die gleichen sind. So waren beide schon öfters in Jerusalem. 

Heute mit Tandem

Die 21-Jährige ist gerade in den Vorbereitungen auf ihre nächsten Klausuren in Rehabilitationspädagogik an der Berliner Humboldt Uni. An der Uni wird sie bald auch ihrem jüngeren Bruder begegnen. Ab dem Wintersemester studiert er Evangelische Theologie. Gemeinsam haben sie auch: Dadurch dass die Mutter von Jasper und Carlotta Pfarrerin ist, haben beide einen engen Bezug zur Gemeinde. Überhaupt merkt man, wenn man ihnen zuhört, dass sie sich gut verstehen. Bei einem Kaffee tauschen sich beide über die Neuigkeiten in der Gemeinde aus und überlegen auf der anderen Seite, ob und wann sie einen Rucksack für Jasper kaufen. Die Reiselust beider ist dann wieder das große Thema.

Jasper ist gerade von einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Jerusalem zurück. Und Carlotta war mit zwei Freundinnen auf einer Radtour in Osteuropa – mit dem Tandem. "Das hat so viel Spaß gemacht und wird wohl ein neues Hobby”, erzählt Carlotta, während Jasper anfängt zu schmunzeln: “Wenn man bedenkt, wie du früher überhaupt keinen Spaß am Fahrradfahren hattest, weil du meintest, dass es dir nichts bringt.” Carlotta ist leicht empört und der kleine Bruder freut sich daran. Und beide verlieren sich in einer brüderlich und schwesterlichen Diskussion.