Frauke und Ulrike – Schwester, Schwester, Tante?

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Ich sehe was, was du nicht siehst: nicht jede Behinderung ist sichtbar. Die 18-jährige Frauke und die 25-jährige Ulrike sprechen über Autismus, Verantwortung, Zecken und warum sie eine inklusive Herde sind. 

In einer Dresdener WG duftet der Kaffee auf dem Tisch, zu den Füßen macht es sich ein kleiner Hund bequem. Hier wohnen die Schwestern Frauke und Ulrike. Wenn man jetzt sagt, dass Frauke Asperger, eine Form von Autismus hat, fallen einem dazu vielleicht zuerst die bekannten Klischees ein: IT-Super-Hacker oder Wunderkind, das Städte eins zu eins nachzeichnet. Was ihr Autismus wirklich bedeutet, erklärt die 18-Jährige am besten selbst: “Wenn du mich anschaust, siehst du vielleicht, dass ich dir nicht lange in die Augen schauen kann. Und manchmal schweife ich einfach ab. Es ist für mich vielleicht schwerer zu neuen Menschen eine Beziehung aufzubauen oder wenn etwas nicht den definierten Regeln entspricht.” 

© Andi Weiland

Die Schwester in der WG-Küche. Außerdem gehört Ulrikes drei-jähriger Sohn zur WG. Und der Hund Bailey, der sich unter dem Tisch versteckt.

Ansage vom Chef

Manchmal ergibt sich durch diese Detailverliebtheit der typische Geschwister-Streit ums Aufräumen: Frauke erkennt beispielsweise einzelne Gegenstände schneller, aber nicht, ob der Tisch abgeräumt werden muss. Nervig für die 25-jährige Ulrike, wenn die kleine Schwester das Geschirr nicht in die Spülmaschine räumt – einfach weil sie nicht sieht, ob das Fach voll oder leer ist. “Aber wenn man ihr dann sagt, dass sie das Geschirr einräumen soll, dann gibt es auch keine Diskussion und sie macht es einfach”, sagt Ulrike und Frauke ergänzt: "Das ist ja dann auch eine Ansage vom Chef!”.

Die Kindheit hatte bei den beiden eine besondere Dynamik. Für Ulrike war schnell klar, dass viel Aufmerksamkeit bei Frauke liegen wird, auch wenn es die Eltern nicht so wollten, hat es sich ergeben. Sie brauchte mehr Betreuung - auch von der sieben Jahre älteren Schwester. Probleme mit einer chronischen Erkrankung kennt diese selbst: Sie hat eine Art Rheuma, das sie schwächen kann: "Dadurch kann ich nicht die Leistungen bringen, die man mit 25 Jahren erwartet. Ich bin schneller schlapp und einfache Krankheiten ziehen sich bei mir schon mal drei Wochen”, erklärt Ulrike. 

Richtig autistisch?

Umso wichtiger ist für alle der Zusammenhalt. “Als Familie sind wir eine inklusive Herde: wir haben alle unsere Eigenheiten, aber wir wissen, was wir für den anderen machen müssen”, sagt Ulrike. Deshalb können die beiden Schwestern zusammen in einer WG leben, weil sie so füreinander da sein können. Die Freunde der beiden kommen oft zu Besuch, genau wie die Eltern.

Von außen gibt es diesen Rückhalt nicht immer. “Eine Lehrerin meinte letztens, dass ich doch gar nicht autistisch wäre”, erzählt Frauke, “weil sie einen anderen Junge kennt, der richtig autistisch ist.” Das ist so ein Moment, in dem die große Schwester in Ulrike durchkommt und sie sich über solche Lehrerinnen aufregt und am liebsten sofort mit ihr sprechen würde. Oft ist sie es, die Verantwortung übernimmt. Daran wie sie redet, an ihrer Art, ihrem Ausdruck merkt man, dass sie vielleicht schneller erwachsen geworden ist. Auch dadurch, dass sie junge Mutter eines Sohnes ist. 

© Andi Weiland

“Manchmal verstehen Menschen nicht, wenn ich bei einem Referat zwar meine Sachen mache, aber in einem anderen Tempo,” erzählt Ulrike.  

Andere Nähe

“Ich bin für Frauke wohl eher eine Tante, als eine große Schwester, weil wir emotional nicht die Nähe haben können. Aber das ist nicht schlimm, wenn man damit umzugehen weiß.” Obwohl die Worte von Ulrike hart klingen, merkt man im Gespräch, dass es nicht so gemeint ist, sondern es einfach nur eine klare Beschreibung für eine der Auswirkungen von Fraukes Art von Autismus ist. Denn schon kurz danach lachen wieder beide über eine andere Bemerkung.

Beim Zusammenleben der beiden geht es auch nicht nur um Aufräumen, Uni und Schule. Durch Fraukes Konzentration auf Details ergeben sich Hobbys, die beide teilen. So bastelt Frauke gerne Papier-Drachen aus tausenden von Einzelteilen und Ulrike schneidet die Papierstückchen dazu aus. Für ein Bioprojekt lassen sich lange Spaziergänge gut damit verbinden, Zecken zu sammeln - wobei natürlich auch der Hund Bailey hilft. Am allerbesten sind die beiden Schwestern aber bei einer Sache: beim Filmzitate-Battle. "Das ist ein bisschen familieninterner Humor“, grinst Ulrike: "Wenn wir zusammen loslegen, können auch unsere Eltern nur noch daneben sitzen und sich vor Lachen die Bäuche halten“


Carlotta und Jasper

© Andi Weiland
Hier soll eine zweizeilige Bildunterschrift hinkommen und da wollen wir doch mal sehen, was dann von dem Foto-Motiv noch zu sehen ist.
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