Hoch hinaus: Dunja klettert mit Beinlähmung

Schlagworte:
Leben,
Video,
Behinderung,
Sport,
Inklusion

Ganz schön hoch, so eine Kletterwand. Einigen wird mulmig, wenn sie an die Höhe denken, jeden Kletterer aber juckt es in den Fingern. So auch Dunja. Ihr erster Griff beginnt allerdings mit dem Weg aus dem Rollstuhl an die Wand.

"Klettern bedeutet für mich, frei zu sein!“

Die Kletterhalle in Saarbrücken ist für Dunja ein Heimspiel. Am liebsten klettert sie aber in der Natur: "Für mich ist es ein Traum, draußen an der Felswand zu klettern, eins mit dem Felsen und in der Natur zu sein. Ich liebe es, von einer gewissen Höhe auf die Welt zu blicken, das ist für mich Freiheit.“ Seit fünf Jahren gibt es für Dunja nichts Schöneres. "Klettern gibt mir ein ganz anderes Körpergefühl, es ist für mich auch ein Steh-Training und es werden dabei extrem viele Muskeln trainiert“, so Dunja. Dass sie im Rollstuhl sitzt, ist hier absolute Nebensache, an der Wand ist sie nicht weniger flink und kraftvoll wie ihre Kletter-Kollegen. "Wenn Leute, während wir zusammen klettern, vergessen, dass ich ein Handicap habe, das ist doch ein großes Kompliment“, scherzt sie. Nur wer genauer hinschaut, bemerkt, dass Dunjas Kletterstil ein wenig anders ist. 

Zieh Leine: Dunjas selbstgemachten Kletter-Tools

​Auffällig ist vor allem, dass die 37-Jährige vor jedem Schritt eine Hand vom Felsen löst, zum Oberschenkel greift, ein Bein zu sich heranzieht und es an einer Kuhle in der Wand wieder abstellt. Warum sie sich so agil wie andere Bergsteiger an einer Felswand bewegen kann, hat Dunja einem genialen Einfall während eines Besuchs in einer Tierhandlung zu verdanken: "Ich wollte eigentlich nur schnell Katzenfutter kaufen und kam an einem Regal mit Hundeleinen vorbei“, erzählt sie. Aus verschieden großen Hundeleinen und Taschengurten hat sie sich daraufhin ihr eigenes Kletterwerkzeug konstruiert. "Ich schnalle mir die Hundeleinen an Ober- und Unterschenkel und verbinde diese mit Taschengurten, so dass ich überall ziehen kann, um das Bein in allen Positionen zu bewegen.“

Dunja erzählt ihre Geschichte:


Extremsport 2.0: Klettern nur mit der Kraft der Arme

Seit sie 16 Jahre alt ist, ist Dunja vom zwölften Brustwirbel abwärts gelähmt. Ein genetischer Defekt nach einem Zeckenbiss löste eine Rückenmarkserkrankung aus. Ihre Beine sind taub, geben ihr aber nach wie vor Halt an der Wand, den sie zum Klettern benötigt. Voran kommt sie jedoch ausschließlich mit der Kraft ihrer Arme. Unvorstellbar für so manch anderen Bergsteiger. "Ein Kletter-Freund versuchte einmal so zu klettern wie ich – der war danach fertig“, lacht Dunja.

Wenn sie nicht an der Wand hängt, setzt sich Dunja ehrenamtlich als Gesamtbehindertenbeauftragte im Landkreis Saarbrücken ein. Sie achtet beispielsweise bei Baumaßnahmen auf die Umsetzung von Barrierefreiheit: "Es braucht nach wie vor immer noch viel Bewusstseinsbildung, auch in einem Land wie Deutschland. Menschen mit Behinderungen werden immer noch sehr oft benachteiligt und haben nicht dieselben Rechte – obwohl es im Grundgesetz steht.“

Klettern für alle!

Ihr nächstes Ziel: Gemeinsam mit ihrem Kletterfreund Joachim möchte Dunja dazu beitragen, dass mehr Menschen den Klettersport ausprobieren können – ganz egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. "Für uns bedeutet Klettern frei zu sein. Wir wollen, dass mehr Menschen die Chance bekommen, diesen Sport kennenzulernen“, meint Dunja. Mit ihrer Aktion möchten die beiden erreichen, dass es mehr inklusive Kletterworkshops in Deutschland gibt und mehr Klettertrainer für die Anleitung von Menschen mit Behinderungen ausgebildet werden.


Text: Hannah Döttling

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.