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„Wenn wir nicht was verändern, wer dann?“

Schlagworte:
Schule,
Demokratie,
Stress,
Spaß,
Interview

Jamila Tressel geht auf eine Gemeinschaftsschule in Berlin. Dort darf sie mit ihren Mitschülern oft mitbestimmen, wie's an ihrer Schule laufen soll. Sie gibt sogar Fortbildungen für Lehrer. Glaubt ihr nicht? Ein Interview über die Lust, mitzumischen.

© Hans Scherhaufer

Jamila, Alma und Lara-Luna haben ein Buch darüber geschrieben, wie sie sich die Schule vorstellen - mit mehr Mitreden und Mitmachen. In ihrem Vorwort schreiben sie: "Viele von uns könnten so ein Buch schreiben, weil sie Experten sind, was Schule und Lernen angeht".
 

JAM!: Jamila, erzähl doch mal kurz, wer du bist!

Jamila: Ich bin 16 Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Ich hab zwei jüngere Brüder, mit meiner Familie wohne ich in Kreuzberg. Ich reite gerne, und ich gehe auch ganz gern zur Schule. Und ich hab ein Buch geschrieben.

Stimmt. Zusammen mit zwei Freundinnen und einem Journalisten hast du das Buch: „Wie wir Schule machen. Lernen, wie es uns gefällt“ herausgebracht. Ihr schreibt darin, dass das Gefühl vor der Einschulung das Tollste war, aber später ging dieses Gefühl erstmal flöten...

Bei mir war das Gefühl zum ersten Mal weg, als es in der vierten Klasse plötzlich Noten gab. Die haben mich immer unter Druck gesetzt. Ich fand sie auch unbrauchbar: Wenn ich ‘ne Drei bekomme, was heißt das denn? Soll ich jetzt was verbessern, oder war das in Ordnung? Und was ich verbessern soll, steht da auch nicht. Ich bin froh, dass es an unserer Schule erst ab der Neunten Benotungen gibt, das will das Schulgesetz ja spätestens ab dann.

​Jetzt gehst du auf eine Schule, die den Ruf hat, ihre Schüler ziemlich ernst zu nehmen. Wie kamst du eigentlich dorthin?

Ich war nach der Grundschule erst ein Jahr lang auf einem sogenannten Schnellläufer-Gymnasium mit weniger Schuljahren. Da musste ich extrem viel lernen und ich hatte das Gefühl, am Ende geht es nur darum, zur Leistungsmaschine zu werden. Das war für mich eine ziemlich krasse Erfahrung, die Schule hat mir einfach keinen Spaß mehr gemacht. Ich hab mich deshalb nach einer umgesehen, die das komplette Gegenteil ist. An meiner jetzigen Schule muss zum Beispiel jeder selbst ein Auge auf sein Lernpensum werfen. Wir haben nämlich sogenannte Lernbüros, zum Beispiel für Mathe oder Deutsch. Ein Lernbüro besteht wiederum aus einzelnen „Bausteinen“ – Lerninhalte, die die Lehrer zusammengestellt haben. Und die müssen wir im Laufe der Zeit, jeder in seinem Tempo, abarbeiten.


Jamila Tressel, 16 Jahre, Berlin

Die Erwachsenen müssen sich erstmal dafür öffnen, dass wir auch was drauf haben. Und dann klappt das schon!

Jamila geht in die zehnte Klasse der Evangelischen Schule Berlin Zentrum und ist eine der Autorinnen des Buches "Wie wir Schule machen".


© Hans Scherhaufer

Ihr lernt also individueller.

Ja. Ich finde es wichtig, dass man selbstständig lernen kann, nicht immer nur Frontalunterricht hat und zuhören muss. Dass Unterricht vielfältig ist, man mitbestimmen und eigene Ideen einbringen kann, ist wichtig. Auch wenn es vom Unterrichtsstoff her im Rahmen bleiben muss, kann man sich doch trotzdem neue Sachen dazu ausdenken.

Und ganz konkret: Welche Ideen konntet ihr in der Schule schon umsetzen?

Zum Beispiel hatten sich ein paar Klassen überlegt, dass sie unbedingt auf das Filmfestival Berlinale wollten – eine Woche lang, während der Unterrichtszeit. Sie haben dann einen Antrag gestellt und erklärt, was sie vorhatten – nämlich am Ende einen Unterrichtsbaustein zum Thema zu entwickeln. Als sie das Okay von der Schulleitung hatten, haben sie sich an die Planung gesetzt und einen Sponsorenlauf organisiert, weil sie für die Tickets Geld brauchten. Der Baustein zu den Filmthemen für die Deutschstunde ist jetzt fast besser als der von unseren Lehrern. Da merkt man mal, was entstehen kann, wenn Schüler begeistert an einer Sache dran sind. Da kommen manchmal richtig coole Sachen raus.

Ihr Schüler seid sogar unterwegs und gebt Workshops für Lehrer, denen ihr erklärt, was man neben der Notengebung noch alles anders machen kann. Zum einen hält eure Schulleiterin ein Referat, aber auch ihr selbst leitet alleine Workshops. Ist es seltsam, den alten Pädagogenhasen zu erklären, wie Schule funktioniert?

Man war es ja gar nicht gewohnt, als Kind so richtig ernstgenommen zu werden. 

Anfangs irgendwie schon. Man war es ja gar nicht gewohnt, als Kind so richtig ernstgenommen zu werden. Wenn du dann in so einer Situation steckst, wo alle dich anschauen und dir zuhören, siehst du, dass es eigentlich ganz egal ist, wer älter oder jünger ist. Wir hatten mal ein „Schüler-coachen-Manager“-Treffen in einem Unternehmen. Die wussten nicht, was für Referenten kommen würden. Als dann wir fünf Kinder in den Raum kamen, sind die Manager aufgestanden, weil sie dachten,

sie wären im falschen Kurs. Aber am Ende waren auch sie ganz begeistert. Die Erwachsenen müssen sich erstmal dafür öffnen, dass wir auch was drauf haben – und dann klappt das schon! (lacht)

Sieht so für dich ein demokratisches Schulsystem aus?

Ja, genau. Demokratie bedeutet doch, dass man mitbestimmen darf. Und dass nicht alles unverrüttelbar ist. Dass nicht eine Seite sagt: „Wir sind im Recht, ihr könnt uns gar nichts, wir machen, was wir wollen!“ Wichtig ist doch, dass in der Schule auch die Schüler eine Stimme haben und – wenn sie wollen – etwas verändern können. Und wenn die Schule einen dabei noch unterstützt, finde ich das sehr demokratisch.

Mut haben, den Mund aufzumachen

Findest du denn nicht, dass es auch total anstrengend ist, immer mitbestimmen zu können?

Doch. Aber ich glaube, dass es sich trotzdem lohnt! Ich merke das ja selbst, dieses ständige Organisieren, da denkt man manchmal: Ey, Frontalunterricht wäre so einfach! Andererseits kann doch diese Herausforderung, selbstständig zu sein, später im Leben ziemlich hilfreich sein. Dann musst Du ja auch selber schauen, wo du bleibst. Und was man selbst mitbestimmen darf, fördert auch die eigene Begeisterung.

Was rätst du anderen Schülern, die sich auch wünschen, dass man ihnen mehr zuhört?

Ich würde auf jeden Fall versuchen, auf die Lehrer zuzugehen und ihnen offene Fragen zu stellen. Ich glaube, coole Lehrer sind für so was immer offen. Ob man nicht auch mal 'ne Stunde gestalten kann. Oder gemischte Jahrgänge ausprobieren kann, vielleicht einfach in einer Projektwoche, die gibt es ja eigentlich überall. Vielleicht können die Klassensprecher einem beim Fragen helfen. Wenn man Lehrern konkrete Sachen vorschlägt, kann man zusammen drüber reden.

Dein Aufruf an Jugendliche, die vielleicht nicht so viel Mut haben, den Mund aufzumachen: Warum lohnt es sich?

Also: Wenn wir nicht was verändern, wer dann? Jeder hat eine Stimme. Habt Mut und seid immer aufmerksam, schaut, wo ihr mitmachen wollt und könnt. Das kann auch was ganz Kleines sein. Aber auch hier kann man was bewirken!

Interview: Imke Emmerich


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