Jugendstudien – Was checken die?

Schlagworte:
Vorurteile,
Gender,
Umfrage

Oh, ja. "Die Jugend von heute!“ Sie wird gerne mit komischen Namen und Buchstaben besetzt und bei den meisten Umfragen kommt raus, dass junge Leute unpolitisch, orientierungslos und handysüchtig sind. Wir machen den Fakten-Check.

© Chrissie Salz

Alles Smobies oder was?

Das Wort "Smobie“ hat eine Jury zum Jugendwort des Jahres gekürt: Die Mischung aus Smartphone und Zombie meint Leute, die ständig mit Smartphone rumlaufen. Mal abgesehen davon, dass bisher kaum jemand den Begriff kannte: Stimmt‘s denn inhaltlich?

Vor drei Jahren hatten nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen ein Smartphone, heute sind es über 90 Prozent. Und am häufigsten wird es nicht etwa zum Telefonieren genutzt, sondern um mit Freunden in Kontakt zu bleiben – meist mit Whatsapp. Zwei Stunden im Netz sind das täglich.

Das heißt aber nicht, dass alle nur bei YouTube abhängen oder chatten. Jeder vierte informiert sich vor allem online, genauso viele nutzen das Internet für Games, Videos und Musik. Das hat eine Studie von Bitkom ergeben. Und: Jugendliche sind sich durchaus der Gefahren im Netz bewusst. Die große Mehrheit gibt an, vorsichtig mit persönlichen Daten umzugehen, nur sehr wenige vertrauen da zum Beispiel Facebook.

Familie nervt – doch nicht?

In keinem anderen Land in Europa bekommen Frauen im Schnitt so wenig Kinder wie in Deutschland. Wenn die Shell-Jugendstudie Recht behält, ändert sich daran sobald nichts: Im Gegensatz zur 2010 wollen noch weniger junge Leute Kinder: laut Studie sind es nur 64 Prozent.

Das liegt übrigens nicht daran, dass sie keine Lust auf Familie haben. 9 von 10 Befragten sagten, dass Familie ihnen wichtig ist. Das macht sich auch zeitlich bemerkbar: 36 Prozent der befragten Jugendlichen machen mehrmals die Woche etwas mit Eltern oder Geschwistern – doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren, das sagt die JIM-Studie. Warum sie selbst keine Kinder wollen? Ein Grund könnte das hier sein: Jeder zweite schätzt es als schwierig ein, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Konservativ oder tolerant?

© Chrissie Salz

Von wegen orientierungslos: Familie, Freunde, Liebe und ein guter Job – das wünschen sich viele. Fleiß, Ehrgeiz und Sicherheit sind hingegen nicht mehr so wichtig wie noch vor ein paar Jahren. Dafür gibt es immer mehr, die sagen, dass man sich stets umweltbewusst verhalten sollte. Und es gibt mehr Toleranz als noch vor zehn Jahren. So sagen heute nur noch 39 Prozent, dass weniger Zuwanderer nach Deutschland kommen sollen, vor neun Jahren lag der Wert bei 58 Prozent. Auch homosexuelle Paare oder ausländische Familien werden mittlerweile seltener abgelehnt.

Sex, Sex, Sex – oder warten?

"Keine Ahnung von Verhütung.“ – Was für ein blödes Vorurteil. Noch nie waren junge Menschen so gut aufgeklärt wie heute. Beim ersten Mal verhüten sie nämlich fast immer – sagt eine Umfrage für die Studie "Jugendsexualität“. Nur sechs bis acht Prozent haben da keine Vorkehrungen getroffen. Vor 30 Jahren lag der Anteil noch bei 20 Prozent (Jungs) und 29 Prozent (Mädchen).

Und: Jugendliche haben heute nicht früher Sex als noch vor ein paar Jahren. Nur sechs Prozent der 14-Jährigen hatten schon einmal Geschlechtsverkehr, mit 17 Jahren dann ungefähr die Hälfte. Das hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Übrigens: Der Großteil der Jugendlichen will das "erste Mal“ mit einem festen Freund oder einer festen Freundin haben.

Alle rauchen, trinken, kiffen?

Also wenn mal was out geworden ist in den letzten Jahren, dann das Rauchen. Vor 15 Jahren hat noch fast jeder Dritte zwischen 12 und 17 regelmäßig geraucht. Heute nur noch weniger als jeder zehnte.

Anders ist das beim Kiffen. Zwar sind nur ganz wenige regelmäßige Kiffer, aber der Anteil derjenigen Jungs und Mädchen, die ab und an mal einen Joint rauchen, ist ein wenig mehr geworden. Dagegen ist Alkohol für Jugendliche nicht mehr so wichtig wie früher. Jeder dritte junge Mensch zwischen 12 und 17 Jahren hat noch nie Alkohol getrunken, viel mehr als noch vor 15 Jahren. Und immer weniger haben regelmäßig einen richtigen Rausch oder trinken sich sogar ins Koma.

Engagement: was ist das?

© Chrissie Salz

Über die Hälfte der Jugendlichen hat sich schon einmal politisch engagiert. Aber nicht etwa in Parteien oder Bürgerinitiativen, sondern vor allem ganz individuell. Viele verzichten zum Beispiel darauf, bestimmte Waren zu kaufen. Jeder vierte hat schon einmal eine Online-Petition unterschrieben – und genauso viele waren schon einmal auf einer Demo.

Laut Studie von Greenpeace engagieren sich 92 Prozent der jungen Menschen. Nur bekommen manche Erwachsene das wohl nicht mit, weil die junge Generation ihre eigenen Wege für soziales und politisches Engagement findet.

Laut Shell-Studie geht das persönliche, ehrenamtliche Engagement für andere bei Jugendlichen allerdings leicht zurück. Die Forscher sagen, das liegt vor allem daran, dass heute mehr Zeit für die Schule draufgeht.

Zukunftsangst oder Zukunftschance?

Vor 15 Jahren haben Forscher noch gesagt, die Jugend sei desinteressiert und auf dem Ego-Trip. Das ist vorbei. Jetzt gibt es wieder Optimismus. 61 Prozent sagen, dass sie positiv auf ihr künftiges Leben blicken. Vor neun Jahren war es nur die Hälfte. "Die junge Generation befindet sich im Aufbruch“, sagt zum Beispiel Mathias Albert, der die Shell-Jugendstudie geleitet hat. Weil junge Menschen heute politischer sind, sich für die Welt interessieren und sich nicht mehr so häufig ins Private zurückziehen. Das klingt doch gut, oder?

Klar, die Jugend gibt es nicht, sondern ganz viele unterschiedliche Jugendliche. Es gibt Faule, Gelangweilte, Egoisten und Desinteressierte. Aber die Mehrheit ist heute anders. Irgendwie cooler.


Text: Paul Wrusch
Illustrationen: Chrissie Salz