Anderssein

Kein Vergleich

Schlagworte:
Mut,
Aufreger,
Mode,
Leben

Cooler, schöner, reicher, witziger, toller! Manchmal macht uns das ganze Vergleichen echt verrückt. “Lass das doch mal!“, schreiben sich eine Woche lang unsere beiden entnervten Autoren.


PETRA:
Och nee, es ist schon wieder passiert. Ich war aus, ganz entspannter Abend. Aber während ich so kopfnickend an der Tanzfläche stehe, frage ich mich: Wieso können die anderen so viel besser tanzen als ich – und ich kann nur den klassischen „Ein-Bein-vor-ein-Bein-zurück“-Move? Beim Warten in der Toilettenschlange schaue ich dann auf die Reihe aus Wallemähnen, die sich vor dem Spiegel lässig einen Dutt drehen, während ich mir nur meine müden Fusselhaare richten kann. Und schon hat in meinem Gehirn die Schnappatmung eingesetzt: Wieso stehen mir eigentlich diese coolen neuen Hosen nicht, warum knicke ich in High Heels immer um? Ist dieses Top nicht doch zu 2012? Sollte ich mir eine neue Brille kaufen? Und als ob mir ein abgezockten Vertreter ständig neue Produkte in mein Oberstübchen schmuggelt, habe ich am Ende des Abends eine riesig lange Liste von Dingen gesammelt, die ich ganz dringend brauche: Tanzkurs, Haarverlängerung oder einen Haufen Kieselerde, irgendwie noch den extra Klamotten-Coolnessfaktor und überhaupt. Zum Glück bin ich so vergesslich, dass mein Ego-Einkaufskorb meistens schon wieder leer ist, wenn ich Zuhause ankomme. Und morgens lachen mich dann auch die Fusselhaare wieder an. Aber trotzdem: Das nervt! Und ich frag mich manchmal „Bin ich nicht ganz normal?“


Nach dem Gepose (mein Haus, mein Typ, mein Urlaub…) geht es mir immer ein bisschen so wie nach einer durchzechten Nacht.

MICHEL:
Hey Petra, ich weiß genau, was du meinst: Erst am Wochenende war ich in Münster eine Freundin besuchen. Wir haben abends in einer Bar über Unikram gesprochen und darüber, was sie schon alles für coole Praktika gerockt hat. Ich saß da, mit meinem Glas in der Hand und merkte wie Neid und Wut auf mich selbst in mir hochkochte. Als sie dann noch erzählte, dass sie schon für eine große Redaktion arbeitet, war ich echt am Boden! "Mist, warum sie und nicht ich? Was kann sie, was ich nicht kann?" Wir kamen dann nach zwei weiteren Gläsern auf das Thema Reisen. Die Welt ist mein Zuhause, da konnte ich trumpfen, hab mich super gefühlt! Nach einem langen Monolog über die von mir bereits bereisten Länder, nahm ich einen großen Schluck aus meinem Glas und lehnte mich triumphal zurück. Fiona nämlich kann sich größere Urlaube nicht leisten und war deshalb nur maximal in Nachbarländern unterwegs. "Ha, da hatte ich was mehr als sie!", dachte ich mir. Erstaunlicherweise hat sie sich total für mich gefreut, ganz im Gegensatz zu mir vorher. Ziemlich schwach, wenn man sich gar nicht für andere freuen kann, solange es nicht mindestens genauso gut läuft? Ich finde deine Brille übrigens echt stark an dir!


PETRA:
Jetzt habe ich dich damit angesteckt – mit dem Neid-Kater. Nach dem Gepose (mein Haus, mein Typ, mein Urlaub…) geht es mir immer ein bisschen so wie nach einer durchzechten Nacht. Nach dem Gefühl die Größte zu sein, bin ich am nächsten Tag ein armseliges, zerknautschtes Etwas. Manchmal vergisst man einfach, was man selbst eigentlich will – ich glaube, das ist es, was sich mies anfühlt. Ideal wäre dagegen doch: Zwar herumschauen, was die anderen machen, sich darüber freuen, aber sein Ding durchziehen. Bin ich eine Lusche, wenn ich das nicht immer so einfach finde? (Wenn du das total easy findest, würde ich mir den Neid direkt verkneifen ;-)


Die Lösung ist wohl ähnlich subjektiv wie das Rezept für die leckerste Bolognese-Sauce.

MICHEL:
Ich hab‘s, ich mach ein Geschäft auf: „Ego pro Tüte 5€“. Im Ernst, ich glaube ein Erfolgsrezept zum „Man-Selbst-Sein“ gibt es nicht. Die Lösung ist wohl ähnlich subjektiv wie das Rezept für die leckerste Bolognese-Sauce, der eine hat mit Bio-Tomaten Erfolg, der nächste mit frischen Kräutern aus Omas Garten. Ich zum Beispiel kaufe mir gerne mal ein Schoko-Eis, setze mich in die Fußgängerzone und beobachte die Menschen, wie sie in an mir vorbei flanieren. Oft sehe ich dann ziemlich coole Outfits, oder auch Eigenschaften an Leuten, die mir in dem Moment total gut gefallen. Manche Sachen kaufe ich mir dann auch oder versuche die Eigenschaften – so komisch das klingt- zu übernehmen. Vieles passt aber irgendwie doch nicht, weil ich halt nicht Tom, sondern Michel bin. Den Rest, den ich auch an mir mag, behalte ich. Nach zwei 2 Tagen finde ich aber schon wieder andere Dinge klasse. So ist das vielleicht im Leben, man wandelt sich ständig, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde... 


MICHEL:
Moment noch! Nur: Was tun, wenn es dann doch etwas gibt, was man nicht nachkaufen oder nachahmen kann, man es aber unbedingt „haben“ will?


PETRA: Ich glaube, ich kann dir die Frage ganz leicht beantworten, wenn ich dir gestehe: Ich hab mir mittlerweile eine neue Brille gekauft. Der ganze andere Kram, der mir damals beim Tanzen eingefallen ist, ist wieder verpufft. Die Brillenidee nicht. Ich glaube, das hat einen Grund: Ich finde sie super – an mir. Es ging nicht darum zu haben, was alle haben. Wenn man die Schnappatmung mal beiseite lässt, merkt man manchmal doch, was zu einem passt. Vielleicht war auch Warten der Trick…? Übrigens eine Sache werde ich leider echt nicht los: Irgendwie will ich dir jetzt unbedingt beweisen, dass meine Bolo die beste ist.


MICHEL:  Och nee, jetzt geht es wieder von vorne los!


Über die Autoren:

Petra ist blond. Michel eher dunkelblond. Michel trägt meistens Bart, Petra nie. Michel ist 24 und Petra älter, glaubt aber sie sieht jünger aus. Michel ist 1,20 groß und Petra 1,72. Aber ganz ehrlich: verglichen haben sie das nie.