Paralympics im Kopf

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Als Reporter bei den Paralympics in Rio: Elf Tage, auf die ich mich ein Jahr gefreut hatte. Und jetzt: geflasht von den Erlebnissen, so viel Miteinander und den vielen Journalisten, die mir mit ihrem Fotoapparat im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen lagen.  

© Olympic Information Services
Irmgard Bensusan aus Deutschland gewinnt die Silbermedaille im 400 m Finale der Frauen und freut sich gemeinsam mit ihren Sprintkolleginnen, die Französin Marie-Amelie le Fur (Goldmedaille) und Grace Norman aus den USA.

 

Ich war gerade dabei, mit großem Appetit mein Mittagessen zu verzehren. Als ich kurz von meinem Hähnchencurry aufschaute, sah ich im Fernseher des Restaurants plötzlich mich selbst. Im Mittagsjournal des größten brasilianischen Fernsehsenders lief ein Beitrag über Reporter bei den Paralympics, die selbst eine Behinderung haben. Einer davon war ich. Ich musste grinsen. 

Nachdem die Redakteure des Rio2016-Teams ein Video von mir bei der Arbeit im Pressezentrum drehten, wurde ich zu dem "Reporter, der mit den Füßen schreibt“. Volunteers und Zuschauer baten mich um Selfies. Ein Redakteur aus Südkorea versprach mir bereits eine Einladung zu den nächsten Winterspielen in seinem Heimatland.

Nachdem ich mich anfangs sehr geschmeichelt fühlte, lernte ich später, manche Gesprächsanfrage abzulehnen: "Sorry, I'm a reporter too. I also want to write my own articles!“ Und zu tun, zu sehen und zu erleben gab es genug.

"Wie ein riesiges Buffet - am liebsten wollte ich alles auf einmal essen."

Die Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro: Das waren elf Tage, auf die ich mich ein knappes Jahr gefreut und vorbereitet hatte. Sie wurden zu einer unvergesslichen Zeit. Noch bin ich nicht traurig, dass sie schon wieder vorüber sind. Die Flut an Erlebnissen wirkt nach, erst jetzt findet sich Zeit, Vieles zu verarbeiten. Auf meiner anfänglichen Entdeckungsreise fühlte ich manchmal wie vor einem riesigen Buffet: Am liebsten wollte ich alles auf einmal essen. Gerade die ersten Tage waren aufregend – jedes Wettkampferlebnis war meine persönliche Premiere, jede Mixed Zone Neuland. 

© David Hock

David als Reporter bei den Leichtathletik-Wettkämpfen.

Mit meiner Akkreditierung besaß ich die ultimative Eintrittskarte für die Abendfinals im Schwimmen, den Rollstuhlbasketball-Auftakt oder dem Zeitfahren der Radler im Velodrome. Jeder Wettkampf war hochklassig. Die Behinderungen der Athleten gehörten dazu, spielten aber keine einschränkende Rolle. Spektakuläre Ballwechsel bleiben gleichermaßen aufregend, auch wenn die Spieler mit nur einem Bein antraten. Spektakulär war auch die überraschend hohe Resonanz der vielen brasilianischen Zuschauer, die von großartigen Sportmomenten und deutlich günstigeren Ticketpreisen als noch bei Olympia angezogen wurden. An einem Samstag besuchten 167.000 Zuschauer allein den Barra Park – mehr als an jedem Wettkampftag während der Olympischen Spiele.

Unter den Besuchern der Leichtathletik-Wettkämpfe war unter anderem Jorge Henrique mit Frau und Kindern. Der 34-jährige, Fußballspieler eines von Rios Stadtclubs hat sich bewusst dafür entschieden, erst den zweiten Teil von Rio2016 im Stadion anzusehen - die Olympischen Spiele hat er nicht besucht. Warum? "Ich wollte, dass meine Kinder etwas wirklich Beeindruckendes sehen!"


Paralympics in Bildern:

"Ach stimmt, da bist du dann ja gar nicht der einzige Besondere.“

Mich persönlich hat die unfassbare Vielfalt an Menschen, der ich tagtäglich begegnet bin, beeindruckt. Die Athleten, ihre Teams, Freunde und Fans kamen aus allen Teilen der Erde und demonstrierten mit ganz verschiedenen Behinderungen, wie Inklusion auch abseits der Wettkampfstätten einfach passiert. Ein guter Freund sagte vor den Paralympics zu mir: "Ach stimmt, da bist du dann ja gar nicht der einzige Besondere.“ Er hatte so etwas von Recht. Auch wenn meine Art, Texte zu tippen, einigen außergewöhnlich erschien, waren meine fehlenden Arme an sich hier kein Alleinstellungsmerkmal.

David mit dem Schwimmstar Daniel Dias

Ein ARD-Reporter fragte mich im Interview, ob ich mich durch meine eigene körperliche Beeinträchtigung besser in die Paralympioniken hineinversetzen könnte als andere. Meine Antwort lautete: Nein. Für mich legt der Behindertensport vielmehr offen, wie sehr wir uns doch alle voneinander unterscheiden. Auf den ersten Blick vielleicht durch sichtbare Defizite – doch in erster Linie dadurch, wie wir auf den zweiten Blick ganz individuell damit umgehen. Bei den Paralympics hat jeder Athlet seinen eigenen Umgang gefunden. Gerade deshalb senden alle zusammen eine so starke, eben authentische Message.

Der Schwimmstar Daniel Dias, den ich nach seinem ersten Schwimmfinale interviewen durfte, hat diese Botschaft folgendermaßen ausgedrückt: „Gott hat für jeden von uns ein einzigartiges und in unterschiedlicher Weise besonderes Leben geschaffen! Das möchte ich durch mein Schwimmen zum Ausdruck bringen.“ Daniel Dias ist ohne Hände und mit einem verkürzten Bein geboren. Bei den Spielen vor heimischem Publikum hat er neun Medaillen gewonnen, davon vier Mal Gold.

Links:

Für die Paralympic-Zeitung hat David Hock mit einem jungen Reporterteam zusammengearbeitet,

Auch das inklusive Team der Riomanics hat aus Rio berichtet www.riomaniacs.de


Text: David Hock

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