Verändern

Da müssen wir mal drüber reden

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Demokratie ist mehr als wählen gehen: seine Meinung frei äußern, an Entscheidungen teilhaben können, was bewegen – so was gehört ebenfalls dazu. Müsste dann ja auch in der Schule funktionieren, oder? Wir haben uns das mal angeschaut: Wie kommen Schüler zu ihrer Stimme? 

Wie anstrengend: fremdbestimmte Stundenpläne, Frontalunterricht und Stillsitzen bis die Füße schnarchen. Kein Wunder, dass manch einer dabei vergisst, dass die Schule eigentlich ein Ort der Mitbestimmung sein soll. Egal ob Demokratie-Schule, klassisches Gymnasium oder offene Gemeinschaftsschule: Wichtig zu wissen ist, dass die eigene Stimme was zählt.

Rechte? Welche Rechte?

Zunächst einmal ist es so, dass bei uns jedes Kind seine Rechte hat. 1989 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Kinderrechtskonvention, die auch Deutschland sofort unterzeichnet hat. Darin steht zum Beispiel, dass die Meinung von Kindern berücksichtigt werden soll und dass sie in allen Angelegenheiten, die sie betreffen, direkt oder durch einen Vertreter gehört werden sollen. Je nach Philosophie der Schule und ihrer Lehrer ist hierzulande dann verschieden viel drin: Während in der eher klassischen Realschule A vielleicht „nur“ darüber abgestimmt wird, welche neue Farbe die Wand bekommen soll, bequatschen die Schüler der Gemeinschaftsschule B, was in der Schulordnung steht und wie die Oberstufe aufgebaut sein sollte.

Auch wenn die rechtlichen Strukturen für Mitbestimmung in Deutschland eigentlich festgeschrieben sind – zum Beispiel in den Landesschulgesetzen – werden sie noch lange nicht überall ausreichend umgesetzt. Deswegen sollten sich auch die Schülerinnen und Schüler selbst stark machen. Allen die eigene Meinung um die Ohren zu hauen, ist allerdings nicht jedermanns Sache. Gut zu wissen: Es gibt eigentlich immer Leute, an die man sich wenden kann. Eine gute Anlaufstelle ist zum Beispiel die Schülervertretung, kurz SV. Und auch die bekommt Unterstützung: Das SV-Bildungswerk schickt sogenannte SV-Berater durchs Land. Sie erklären Schülervertretern, wie Mitbestimmung funktionieren kann. „Wir geben Seminare für Schüler, die Bock haben, was zu verändern“, sagt der 24-jährige Lukas Wolf, der im Vorstand des SV-Bildungswerks ist: „Vor allem wollen wir ihnen eine Haltung vermitteln: Traut euch was! Bringt euch ein, wenn euch was stört!'“

Grundsätzlich gilt also: Die Teilhabe von Schülern an der Schulgemeinschaft ist an allen Schulen in Deutschland möglich. Wir haben mal eine kleine Sammlung für euch zusammengestellt, welche Ideen es dazu gibt.

Die Klassiker

Mehr als Mathe, Deutsch, Englisch: Wo passt die eigene Stimme in den Stundenplan?

Klar, kennt ihr die SV. Wie gerade schon genannt, ist das die Schülervertretung, die es an fast allen weiterführenden Schulen gibt. Organisierte Mitbestimmung nennt man so was in Beamtendeutsch. Und was sie macht, liest sich im Schulgesetz von Nordrhein-Westfalen zum Beispiel so: Sie „nimmt die Interessen der Schülerinnen und Schüler wahr. Sie vertritt insbesondere deren Belange bei der Gestaltung der Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schule und fördert ihre fachlichen, kulturellen, sportlichen, politischen und sozialen Interessen“.

Will heißen: Wenn euch an der Schule mal etwas gegen den Strich geht, ihr mit einem Lehrer Probleme habt oder der Abi-Streich nicht genehmigt wird: Die Schülervertretung hört euch zu und versucht zu vermitteln. Noch näher dran seid ihr am Klassen- oder am Jahrgangsstufensprecher: von euch gewählt als Ansprechperson für Mitschüler und Lehrer. Andere klassische Formen der Mitbestimmung sind außerdem Schülerzeitungen, AGs oder Projekttage und -wochen, in denen man das Mitreden und Mitgestalten üben kann.

Klassenrat & Co

An einigen Schulen gibt es den Klassenrat, er ist sozusagen das Diskussionsforum einer Klasse. In wöchentlichen Sitzungen beraten, diskutieren oder entscheiden die Schüler dann über ihre Themen – Unterrichtsmethoden, Lernerfolge oder Umweltprojekte außerhalb der Schulzeit. Alles, was unter den Nägeln brennt. Und die Lehrer haben während dieser Zeit mal Sendepause.

In einer Grundschule in Leopoldshöhe in Nordrhein-Westfalen können schon die Kleinsten im wöchentlichen „Kinderparlament“ sagen, was sie stört und bewegt – mit Tagesordnung und Protokoll: ein neuer Spiegel für das Mädchenklo, die Jungs hatten nämlich gleich zwei. Ein neues Schulmaskottchen, über dessen Namen natürlich noch abgestimmt wird. Möglich ist vieles, es müssen nur viele Lust drauf haben.

Kings of Kotelette: Regieren jetzt wir?

So ganz demokratisch geht es an „Demokratie-Schulen“ zu. Sie gehen erstmal davon aus, dass Schüler selber lernen wollen und dafür keine vorgefertigten Lehrpläne und festen Klassen brauchen. Also lässt man die Kinder lieber selbst entdecken, was sie lernen wollen, wo ihre Stärken liegen und wie man sie individueller unterstützen kann. Viele dieser Schulen gibt es noch nicht, etwa 200 sind es weltweit, vor allem in den USA und Israel.

Die Evangelische Schule Berlin-Zentrum (ESBZ) bezeichnet sich zwar nicht als Demokratie-Schule, sondern als Gemeinschaftsschule – aber auch sie ist bekannt dafür, dass ihre Schüler ziemlich viel mitreden dürfen. Die kritisierten auch mal, dass ihnen der Naturwissenschaften-Unterricht in der Woche zu kurz kam und setzten tatsächlich durch, dass sie mehr davon kriegen. „Demokratie bedeutet doch, dass man mitbestimmen darf. Und dass nicht alles unverrüttelbar ist. Dass nicht eine Seite sagt: 'Wir sind im Recht, ihr könnt uns gar nichts, wir machen, was wir wollen!' Wichtig ist doch, dass in der Schule auch die Schüler eine Stimme haben und – wenn sie wollen – etwas verändern können.“, sagt die 16-jährige Jamila Tressel, die auf die ESBZ geht.

Komm, wir gründen 'nen Start-up

Und dann gibt es ja noch die Schülerfirmen. Ja, richtig. Wer meint, Firmengründer müssen studiert haben, der irrt. Mittlerweile gibt es tatsächlich einige Schulen, an denen Kinder oder Jugendliche  ihre eigenen Firmen gegründet haben und so manchem Unternehmer zeigen, was ne Harke ist. Die Schülerfirmen entstehen als freiwillige Projekte und haben ebenfalls den Sinn, dass man sich engagiert und untereinander aushandelt, was einem wichtig ist. Es gibt sogar einen Bundes-Schülerfirmen-Contest, bei dem die jungen Unternehmer ihre Projekte vorstellen können, und zwar quer durch die Bank, egal ob Realschüler, Förderschüler oder Hauptschüler.  „The Honeybeez“ von der bayrischen Betty-Staedtler-Hauptschule haben zum Beispiel eine Schulimkerei gegründet, sie wollten gerne etwas gegen das Bienensterben tun. Ihren eigenen Honig vermarkten sie in der Stadt sogar unter einem eigenen Label.

Es muss ja nicht gleich selbstgemachter Honig für den guten Zweck sein. Aber selbst was machen, sich engagieren, wenn man etwas verändern will: Das ist eigentlich überall drin. Denn Leute, die Euch beratend und unterstützend zur Seite stehen, gibt es immer. Also – wie Lukas Wolf vom SV-Bildungswerk schon sagte: Traut euch was!

Text: Imke Emmerich


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