Selbstversuch: Schöner mit der App?

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So richtig zufrieden mit uns sind wir eigentlich nie. Alles wollen wir optimieren. Die moderne Technik sammelt dazu Daten und presst unseren Körper in Zahlen. Unzählige Geräte sollen uns dabei unterstützen, mehr Sport zu treiben, gesünder zu essen, ausgeglichener zu werden. Wissen solche Gadgets tatsächlich, was uns glücklich macht? JAM!-Autor Philipp hats eine Woche lang ausprobiert.

JAM

Tanz mit dem Fitness-Armband

Tag 1: Freitag

Ich habe mir ein Fitness-Armband zugelegt und eine Handvoll schlauer Appsruntergeladen. Jetzt fragt mich mein Handy auf einmal lauter persönliche Sachen. Ok. Ich bin 1,86 Meter groß, wiege 75 Kilo (wenn nicht gerade Weihnachten war). Ich bin Mitglied im Fitnessstudio (was nicht heißt, dass ich hingehe). Ich esse gesund (nachts aber auch mal Pommes). Alle Infos zusammengepackt, habe ich ein biologisches Alter von 40 Jahren. Unverschämt! Na gut, dann werde ich ab heute eben gesund und wunderschön.

Tag 2: Samstag

Ich werfe mich in die Jogging-Kluft und gehe laufen. Es ist furchtbar. Schweinekalt und viel zu viel los. Zu Hause tracke ich meine miese Laune mit einer App, einer Art soziales Netzwerk für die Stimmung. Ich bin dort ein kleiner Pandabär, der sich bei Bedarf von anderen pixeligen Pandas beschmusen lässt. Ich schreibe, dass alles doof ist und kassiere digitale Umarmungen von John, Anna und Cindy. Na, dann ist der Tag ja gerettet.

Eine App will wissen, was ich gegessen und getrunken habe. Milchkaffee, Erdnussbutter-Bananen-Brot, Club Mate, ein Teller Phat Thai. Bitte was? Ich darf nur noch 173 Kalorien zu mir nehmen? Soll ich etwa die ganze Sportschau hungern? Abends kommt überraschend Besuch und wir gehen aus. Am Ende ist das Fitness-Armband begeistert: ich habe 8.000 Schritte vertanzt!

 

 

Verflucht, es gibt Kuchen! Die App dreht durch.

Tag 3: Sonntag

Morgens hatte ich mit diesem gesunden Frühstück noch alles im Griff...

8 Stunden Schlaf, 2,5 Stunden im Traumland, resümiert der Sleeptracker auf dem Pad. Er hat mich sanft mit Meeresrauschen und Vogelpiepen geweckt. Ich frühstücke: Das Handy meldet, ich soll gefälligst leckere Ballaststoffe essen. Obst, Gemüse und so. Okay, Handy, solange es gut für mich ist.

Ich gehe ins Fitti ein paar Hanteln stemmen – und hab noch mehr Hunger. Abends auf einer Geburtstagsparty: Verflucht, es gibt Kuchen (= 1.567 Kalorien)! Die Zeit mit meinen Freunden versaut mir die ganze Statistik. Soviel Marathon-Tanzen kann kein Mensch!

Tag 4: Montag

So werden wir keine Freunde, Handy! Wenn du meine Top-Leistung nicht misst.

Joggen macht heute schon mehr Spaß. Es nieselt und die Stadt gehört mir! Zu Hause erzählt mir die App, dass ich ganz schön lahmarschig bin, weil ich nur  einen Kilometer in einer Stunde gelaufen sei. Von wegen. Das Schlaumeier-Telefon hat bloß mein GPS-Signal nicht richtig erkannt.

Ich mache ein Selfie für den Beauty-Check. Das Programm misst, wie symmetrisch mein Gesicht ist und gibt 87 von 100 Punkten. Das Uglymeter gibt mir für das gleiche Foto eine 4,5. Die App sagt, ich sehe so dermaßen bescheuert aus, dass ich bei einem Farmer als Vogelscheuche anheuern soll. Was? Schönheit aus Matheformeln – so ein Quatsch!  Ich lasse mich von den Stimmungs-Pandabärchen trösten. 

Nachts gestalkt

Tag 5: Dienstag

Kuscheln ist nicht, der Sleeptracker begleitet mich wie ein unheimlicher Babysitter.

Der Sleeptracker hat mich nachts abgehört und meint, ich hätte im Schlaf ziemlich viel Mist erzählt. Ich spiele die Aufnahmen ab, aber es rauscht nur. Ich finde es ein bisschen merkwürdig, dass so viele Daten über mich erfasst werden. Landet das alles auf Facebook?

Schon wieder ins Fitti, dabei habe ich noch Muskelkater von gestern. Fühlt sich trotzdem ganz gut an, ein bisschen öfter Sport zu machen. An der Pinnwand hängt eine Liste mit den fleißigsten Sportlern. Platz 1 war im vergangenen Jahr 217 Mal trainieren. Ob der auch mal ein Buch in der Hand hatte oder so?

Tag 6: Mittwoch

Der Schrittzähler hat heute nicht allzu viel zu zählen, die Energiebilanz schimpft. Im Supermarkt traue ich mich schon gar nicht mehr zu kaufen, was ich eigentlich will. Die App nervt mit tausend Tipps: Blinzele öfter, das macht wach. Wirf deine Baumwollsocken weg, davon kriegst du Blasen an den Füßen. Geh in den Park, Grünflächen bauen Stress ab. Stress? Keine Zeit für Stress. Ich muss mich ja permanent um meine Gesundheit kümmern.

Handy sagt: Schlafenszeit. Aber der Schrittzähler hat bloß 2.000 Schritte gesammelt. Also gehe ich noch eine Runde raus. Ich gucke durch die Fenster der Kneipen und Restaurants, schaue die Leute an, die dort mit ihren Freunden sitzen und ärgere mich, dass ich mir mein Leben von der Technik diktieren lasse.
 

Von Zombies zum Sport gezwungen

Tag 7: Donnerstag

Unglaublich: Diese App spuckt nicht nur Daten aus, sondern gibt mir auch noch Entspannungstipps.

Null Bock auf Sport. Eine App muss mich motivieren, sie lässt digitale Zombies hinter mir herjagen. Die Zombies sind schneller als ich dachte. Ich fühle mich verfolgt. Von mir selbst. Und von meinem Gesundheitswahn.

Das Armband gratuliert mir zu 50.000 Schritten. Ich bin mehr als einen Marathon gelaufen! Stark. In nur sechs Tagen! Wo liegt noch mal der Weltrekord? Aber was soll ich damit, wenn ich deswegen keine Zeit mehr zum Leben habe? Für meine Freunde, meine Hobbys…

Tag 8: Freitag

Eine Woche ist vorbei. Ich fühle mich ganz okay. Ich könnte jetzt auch diesen Tag noch verdaddeln: Kalorien, Schlaf und Schritte zählen oder auch Hirnströme, den Feuchtigkeitsgehalt der Haare oder sogar die Darmaktivität. 

Ein bisschen mehr Sport treiben, ein bisschen bewusster essen. Ist ja okay. Aber muss ich mir deswegen rund um die Uhr vorschreiben lassen, wer ich sein und was ich machen soll? Zufriedener fühle ich mich nicht, wenn ich 24 Stunden, 7 Tage die Woche versuche, mein Leben zu verändern und mich mit anderen vergleiche. Ich muss Schluss machen. Mein Handy möchte nicht, dass ich so lange rumsitze und schreibe. Hast ja recht, kleines Telefon. Du willst ja nur das Beste für mich.


Text & Fotos: Philipp Brandstädter