Die Welt durchs Smartphone – Apps für Blinde

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Engagement,
Inklusion,
Perspektivwechsel

Marcels Handy kann mehr: zum Beispiel Briefe vorlesen. Und Dinge finden und erklären. Marcel ist blind und hat für JAM! die App "Be My Eyes" getestet, bei der User per Videochat als Helfer für Menschen mit Sehbehinderung einspringen. Außerdem erzählt der 23-Jährige, welche anderen Apps ihn durch den Alltag lotsen.

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Apps als kleine Helfer für blinde Menschen: Programme erkennen Farben, navigieren durch die Stadt oder scannen die Umwelt. Und das sogar wortwörtlich, indem sie die Barcodes von Produkten auslesen oder Briefe in gesprochene Worte übersetzen.

"Dann lassen Sie’s sich zapfen!", wünscht mir mein Gegenüber am Telefon und verabschiedet sich. Gerade hat mir ein Österreicher geholfen, merke ich erst jetzt: Mit "zapfen" meint er nämlich "schmecken". Wobei er mir geholfen hat? In meinem Kühlschrank stand schon länger eine Packung Quark und ich konnte alleine nicht beurteilen, ob er noch essbar ist. Ich selbst kann es ja nicht sehen: Ich bin fast blind. 

Möglich macht die Quark-Ferndiagnose die App "Be My Eyes“. Per Videochat vernetzt sie sehbehinderte Menschen mit Sehenden. Die App springt als eine Art Telefonjoker ein, wenn jemand Hilfe benötigt: Für einen Moment leiht man sich so quasi die Augen eines Fremden. Vor meinem ersten Anruf war ich entsprechend nervös. Schließlich muss man sich nun für einen Moment vollkommen auf eine fremde Person verlassen können. Das ist aber der größte Schritt, den man gehen muss. Alles andere ist einfach: App downloaden, sich als Helfer registrieren oder sich, wie ich, als blinder oder sehbehinderter User registrieren, der Hilfe braucht.

Mit dem Smartphone gelotst

Startet man seine Anfrage, dann sucht die App weltweit nach jemandem, der gerade helfen kann. Nervöse Minuten, da man nie weiß, wer einen am anderen Ende erwartet. In meinem Fall begrüßt mich eine freundliche Männerstimme. Nachdem die Aufgabe geklärt ist, geht es los. Die Stimme am anderen Ende sagt mir, was sie sehen kann und gibt mir Anweisungen, in welche Richtung ich die Kamera bewegen soll, damit die Quarkverpackung besser zu sehen ist. Es dauert einen Augenblick, doch nach knapp zwei Minuten haben wir das Haltbarkeitsdatum gefunden.

Wie für viele andere Menschen in meiner Situation ist das Smartphone ein wichtiger Helfer. Durch Sprachausgaben wie dem "Voice-Over" lässt es sich problemlos bedienen – auch ohne zu sehen. "Be My Eyes" bietet sich vor allem an, wenn man etwas Bestimmtes unter vielen ähnlichen Objekten sucht: zum Beispiel Kleidungsstücke oder Lebensmittel in der gleichen Verpackung. Dazu gibt es eine Menge weitere Apps, die mich manchmal geschickt durch den Alltag lotsen.

Briefe scannen

Der KFNB-Reader wandelt Text in Audio um. Zur App

© kfnbReader

Routen erleben

Hilft, zielgenau durch die Stadt zu navigieren. Zur App

© BlindSquare

Farben erkennen

Weiß Rat bei der Farbbestimmung. Zur App

© ColorSay

Kluge Scanner

Knifflig wird es, wenn es um handschriftliche Notizen geht. Zum Beispiel, als mir der Paketzusteller die Notiz in den Briefkasten wirft, an welchen Nachbarn er das Paket ausgeliefert hat. Die meisten Vorlesesysteme oder Apps können Handschriften nicht auslesen. Hier kann die Be My Eyes-App helfen – vorausgesetzt, die Info auf dem Abholschein ist einem nicht zu persönlich.

Darüber hinaus habe ich ein paar andere Lieblings-Apps, die ich immer wieder benutze. Mit einem Barcode-Scanner kann ich die Produkte im Supermarkt identifizieren: Wie der Scanner an der Kasse erkennt die Handykamera den Strichcode und gibt mir Auskunft darüber, was ich gerade in den Einkaufswagen lege. Noch ausgefeilter funktioniert der KNFB Reader, eine Scan-App für Smartphones. Hiermit kann man passgenau ein Foto von einem Schriftstück – etwa einem Brief – machen. Wird der Text auf dem Bild erkannt, kann die App mir Sekunden später den Text vorgelesen. Das klappt allerdings nur, wenn der Brief maschinell geschrieben ist. Dann aber funktioniert das erstaunlich gut und mit nur wenigen Fehlern. 

"Bäcker Müller auf 9 Uhr"

Bei Navigation in der Stadt setze ich auch auf "Blindsquare". In Verbindung mit einer üblichen Navi-App wie Google Maps kann ich mir hier eine Route berechnen lassen. Das Besondere ist, dass man sich Geschäfte, an denen man vorbei läuft, mit Richtungen ansagen lassen kann –  beispielsweise "Bäcker Müller 20 Meter auf 9 Uhr“. So kann ich durch die Straßen gehen und mir die Umgebung beschreiben lassen. Auch in Sachen Kleidung und Farbe gibt es einen Helfer: ein Farberkennungsgerät. Dies ist etwa handgroß und sagt die Farbe an, wenn man es auf ein Kleidungsstück hält. Als App funktioniert das zwar nicht ganz so gut, da die Smartphone-Linse nicht dafür ausgelegt ist. Um ein rotes und ein blaues T-Shirt auseinanderzuhalten reicht es jedoch allemal.

Häufig gibt es viele Alternativen für sehbehinderte Menschen, wie man kleine Alltagsprobleme lösen kann. Wenn es keinen Trick oder keine Technik gibt, die einspringt, frage ich die Menschen in meiner Umgebung. Oder bezogen auf mein Quarkbeispiel: Wenn ich die  technischen Alternativen nicht hätte, würde ich mich auf meine anderen Sinne verlassen. Schmeckt der Quark normal und riecht auch so, würde ich ihn einfach essen. Das "Risiko" nehme ich in Kauf.


© privat

Der Autor: Marcel Wienands

Marcel ist 23 Jahre alt und studiert Sportmanagement in Köln. Durch eine genetische Augenerkrankung ist er fast vollständig erblindet. Er treibt sehr viel Sport, geht gerne Laufen und spielt Blindenfußball. Sein Leben organisiert er heute in einigen Punkten etwas anders, dabei unterstützen ihn auch Apps.  

©Amelie, Privatfoto

Ausprobiert: Ein Tag alles anders

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