Von Anonym bis WTF - Kleines Alphabet der Netzsprache

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Die einen werfen im Netz mit Herzchen und Zwinkersmileys um sich. Anderswo wird die Sprache finster: In unserer kleinen Fibel zur Netzkommunikation erfahrt ihr, wo Trolle herkommen, was Flamen bedeutet und warum es auch mal nett sein kann, sich in die Augen zu schauen.

Anonymität – Mein Name ist…

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Wer sich im Internet mit anderen austauscht, kann meist selbst entscheiden, ob es unter echtem Namen oder unter Pseudonym passiert. Happyjenny92 oder Hans_Wurst 89 – der Kreativität hinter Nicknames sind keine Grenzen gesetzt. Die Phantasienamen sollen die Persönlichkeitsrechte schützen, User können normalerweise ihre Meinung sagen, ohne dass ihre Identität öffentlich wird. Der Nachteil ist, dass der Ton unter diesen Umständen rauer werden kann (→ Flaming). Denn ein wichtiger Faktor beim gepflegten Miteinander ist der Augenkontakt. Israelische Forscher haben die Gespräche von Internet-Nutzern verglichen und stellten fest: besonders freundlich zueinander sind Gesprächsteilnehmer im Netz, wenn sie sich per Webcam anschauen.

Cupertino-Effekt – verwirrte Tasten

Beim Tippen mit dicken Daumen hilft die automatische Rechtschreibkorrektur. Manchmal aber versteht sie uns irgendwie doch nicht und macht in SMS- und Whatsapp-Nachrichten aus einem Rhabarberkompott einen Rhabarberkompost oder statt „Meeting“ schreibt dein verwirrter Assistent „Petting“. Den Namen hat dieses Phänomen übrigens daher, dass sich in einem klassischen Fehler immer wieder die Stadt Cupertino in den Text mogelte - und die ist zufälligerweise der Dienstsitz einiger großen Computerhersteller.

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Emoticon – ich <3 dich auch

Ärger, Freude, Wut, Überraschung! – für fast jede Emotion gibt es eine eigene Zeichenkombination. Das ist auch für Forscher interessant. Sie sehen in den Bildchen eine Art Ersatz für die Gestik und Mimik, quasi eine eigene Netzsprache für Gefühle. Eine Sprachwissenschaftlerin wollte mehr wissen und fand heraus, dass zumindest auf Whatsapp in der Schweiz  <3 und :-* die gebräuchlichsten Kombinationen sind. Auf Twitter teilten die Nutzer mit ihren Followern das Herz innerhalb eines Jahres 241 Millionen Mal.

Emojis – Wie süß!

Sie kommen ursprünglich aus Japan und sind so eine Art Weiterentwicklung der Emoticons. Gehst du shoppen, sag es mit einer Einkaufstasche. Statt eines romantischen Herbstgedichtes, genügt fallendes Laub, um deine Stimmung auszudrücken. Nicht zu vergessen natürlich Zwinkerkätzchen & Co! Doch die Kürze der Botschaft ist nicht der wichtigste Grund, die niedlichen Bildchen zu benutzen – Sprachwissenschaftler glauben: Emojis sind so beliebt, weil sie uns zum Schmunzeln bringen und Spaß machen.

Flaming – diesen Ton verbitte ich mir

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Im Schutze der → Anonymität fallen manchmal alle Hemmungen, und so tummeln sich in Foren oder Online-Games häufiger Beleidigungen als im persönlichen Gespräch – im Netzjargon heißt das „flaming“ (deutsch: aufflammen). Diese Pöbeleien können sogar in echte Flame-Wars ausarten, wo sachliche Diskussionen längst keine Rolle mehr spielen. Einen Grund für die miesen Wortausbrüche formulierte der Psychologe John Suler bereits 2004: im Netz fehle die direkte und körperliche Reaktion des Gegenübers. Aber selbst wenn man es online nicht direkt sieht, auch hier verletzen fiese Sprüche.

Godwins Law – pack' die Hitler-Keule ein

Je länger eine Netzdiskussion andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Teilnehmer etwas oder jemanden mit Hitler oder Nazis vergleichen wird. Diese Beobachtung hat der amerikanische Anwalt und Buchautor Mike Godwin gemacht: er wollte damit vor allem dafür sensibilisieren, dass man die Verbrechen der Nationalsozialisten niemals verharmlosen sollte. Es ist dabei nicht das einzige „Gesetz“, das versucht, Verhaltensmuster aus der Online-Kommunikation zusammenfassen. Ganz ernst gemeint sind diese Formeln meistens nicht, haben aber einen wahren Kern. Wie etwa "Skit's law", demnach in Kommentaren, die falsche Rechtschreibung bemängeln, meistens selbst Fehler sind. Oder „Poe's law“: Ironie und Sarkasmus funktionieren online einfach nicht (→ Emoticon).

Instant Messaging – Skype mal mit Oma

Was? Mehr als 28 Millionen Deutsche reden selten oder gar nicht über Messengerdienste? Schaut man sich die Statistik genauer an, wird klar: Es ist eine Frage des Alters: 86 Prozent der Jungs verschicken Sofort-Nachrichten im Internet, und bei den Mädchen sind es sogar 94 Prozent. Ganz so jung wird es in den Messenger-Gruppen aber nicht bleiben: immer mehr über 50-Jährige legen sich ein Smartphone zu.

Spracherkennung – my friend Siri

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Die Spracherkennung hilft - nicht nur Schreibfaulen. Das bekannteste Programm ist Siri, die man im Prinzip alles fragen kann: „Wie geht’s dir?“ oder „Regnet‘s heute?“ Erst kürzlich hat die „New York Times“ über den 13-jährigen Gus aus den USA berichtet. Dem autistischen Jungen fiel der Kontakt zu anderen schwer. Mit Siri aber konnte er lange Gespräche führen – beispielsweise über Schildkröten oder Flugzeuge. Und wer glaubt, dass Gus sich so weiter in seine Welt zurückgezogen hat, der irrt. Die Unterhaltungen mit dieser künstlichen Intelligenz haben die sozialen Fähigkeiten des Jungen verbessert. Mehr zum Thema Autismus

Sprachverfall – das Ende ist nah

Abkürzungen (→ WTF), englische Begriffe, Fehler, Halbsätze wohin man sieht! Einige Sprachwächter stehen beim Anblick der Online-Kommunikation kurz vor der Ohnmacht. Von Recycling-Sprache ist da die Rede, der jede Form von Gefühl und Herzlichkeit fehle. Es gab sogar Vorschläge, eine Altersbeschränkung für Whatsapp, Twitter und Co einzuführen. Quatsch, sagen Fachleute auf der Gegenseite. Sie sehen diese sprachlichen Eigenschaften als eine kreative Bereicherung für die Kultur.

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Troll – geh dem nicht ins Netz

Die Bezeichnung passt. Doch die nervigen Teilnehmer in Chats und Foren haben ursprünglich nichts mit den kleinen Monstern zu tun. „Trolling“ bezeichnet im Englischen eine Methode, mit Ködern von einem Boot aus Fische anzulocken und zu fangen – so wie die Internet-Trolls quasi auch versuchen mit ihren Provokationen eine Reaktion von Usern einzufangen.

WTF – oder auch nicht

Abkürzungen wie OMG, IMHO oder THX finden sich zwar in nahezu jedem Chat, haben es in den alltäglichen Sprachgebrauch und sogar in den Duden geschafft: „lol: drückt große Heiterkeit aus“, schreibt die gelbe Sprachbibel. Ein großer Teil der Internet-Nutzer findet sie sogar nervig, besagt eine europaweite Studie des Internet-Konzerns Yahoo. Besonders unbeliebt: ROFL, das 35 Prozent der Befragten am liebsten nie mehr lesen würden.


Text: Andreas Pankratz
Unser Autor ist freier Journalist in Köln und hat sich bei seinem allerersten Nickname Ende der 90er Jahre vom Film "Lost Highway" inspirieren lassen. Dieser lautete: Dick_Laurent.

©chhmz/photocase

Ein "N" hätten wir noch: Die "Netiquette". Das sind quasi Verhaltensregeln auf Websites oder in Sozialen Netzwerken, wie man miteinander umgehen möchte. Die JAM!-Netiquette findet ihr direkt hier unten ↓.

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