Anderssein, Freundschaft, Verändern

Schnitzel und Beats - Ein Festivaltag mit Station 17

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Einfach eine Band, einfach immer unterschiedlich - und immer alles geben auf der Bühne. Station 17 haben schon mit Fettes Brot gespielt und auf großen Festivals begeistert. Was die Hamburger und ihren Sound ausmacht, haben wir bei einem ihrer Auftritt live erlebt.

© 17 records/Sebastien Cuvelier

Es wird voll auf der Bühne, wenn Station 17 erst einmal loslegen. Für ihre Live-Auftritte werden sie von ihren Fans gefeiert.

Das letzte Lied für heute singt Hoss Becker. "Rock n Roll“, heißt es und kracht und schrebbelt und synthesizert ordentlich über das Gelände vom Ackerfestival im Hamburger Umland. Hoss ist von der Bühne gesprungen und singt das Publikum an. Sie strecken ihm begeistert ihre Hände entgegen, ein Mädchen schenkt ihm eine Halskette aus blauen Plastikperlen. Hoss' Hand tanzt damit durch die Luft. Hinter ihm auf der Bühne spielen sich seine 12 Kollegen von Station 17 an ihren E-Gitarren, Keyboards, Synthis, Schlagzeug, Saxophon und Bass in Ekstase. Hoss Becker schwebt in einer Welt aus Musik. Nach 20 Jahren bei Station 17 ist das heute eines seiner letzten Konzerte am Mikro, danach wird er die anderen auf Tour backstage als Roadie unterstützen. Irgendwann ist auch einfach mal gut mit diesem Bühnenleben. Hat er sich früher nach der Zugabe noch wilde Knutschereien mit Mädels aus anderen Bands geliefert, fragt er heute die Bandkollegen lieber noch mal, ob er denn auch wirklich pünktlich nach Hause käme. 

Reinhören: Unterwegs beim Acker-Festival mit Station 17

Station 17 ist ein Kollektiv der Unterschiedlichkeiten. Sie bestehen schon seit den 80ern, entstanden aus einem Wohnprojekt in Hamburg Altona: der Wohngruppe 17. Manche Bandmitglieder haben eine Behinderung, manche nicht, einige sind Mitte 20, andere Anfang 40 -  zusammen sind sie einfach eine Band. Und zusammen haben sie Festivals wie das Hurricane gerockt und einige der angesagtesten Clubs Deutschlands. Dass sich alles wechselt, wandelt und immer wieder anders ist, gehört fest zur Band: von den Gründungsmitgliedern ist längst keiner mehr dabei. Frischen Wind bringen jetzt Servag Garevi und Paria Masum, seit Längerem wieder eine Frau, in die Station 17-Besetzung. Beide Sänger konnten heute aber nicht zum Auftritt kommen. Der eine ist noch mit der Familie im Urlaub, die andere bei der Oma Kaffee trinken. Davon lebt die Band: Die einen kommen, die andern gehen. Die einen schaffen es zum Auftritt, die andern nicht.

"Durch diese Unterschiedlichkeiten entwickeln wir uns weiter“

© 17 records

Das neunte Album verbindet Pop mit Spaß am 80er Synthie-Sound.

Ihr neuntes Album "Alles für Alle“ ist das erste richtig poppige Album von Station 17 und sie waren ein bisschen nervös, wie es ankommen würde. Vorher waren sie eher elektrisch und wild unterwegs, haben mit Fettes Brot, Stereo Total und Kalabrese zusammen gearbeitet. Ins neue Album haben nun alle Ideen, Töne und Geräusche miteingebracht. "Ich muss sagen, wir triggern uns da gegenseitig“, sagt Hauke, Gitarrist. Und auf Tour, wenn man viele, viele Stunden im Auto zusammen sitzt, da muss man sich dann auch mal Sachen anhören,  die man sonst nicht so unbedingt hören würde. Da kommen dann die Lieblingsplatten aus Kiez-WGs und Wohnprojekten, von Mitte 20-Jährigen und Mitte 40-Jährigen in den Boxen des Tourbus zusammen. "Durch diese Unterschiedlichkeit entwickeln wir uns weiter.“ Das hört und sieht man auf der Bühne. Da kommen Töne, Melodien, Geräusche und Menschen zusammen, die man sonst eher nicht zusammen kennt. Ein herrliches Spektakel, das nicht nur hier auf dem Ackerfestival ankommt. 

Den Kopf frei haben für Musik

Aber bei so viel Anderssein muss es doch auch mal krachen, oder? "Eigentlich nicht“, sagt Sebi, der Keyboarder, und wiegt seinen Blindenstock hin und her. "Wir versuchen immer Probleme ruckzuck aus der Welt zu schaffen, dass wir gut den Kopf frei haben für Musik.“ Schließlich machen sie fünf Tage die Woche zusammen Musik und wenn alle da sind, wird’s eng im Proberaum. Da muss man einfach gut miteinander auskommen. Vielleicht ruft Maik deshalb allen Bandmitgliedern ständig ein "Ich liebe dich, mein Schatz!“ zu und kichert danach hämisch.

© Elisabeth Weydt

Nachdem Schnitzel ist vor dem Auftritt: backstage bleibt noch Platz fürs Plaudern bevor es losgeht.

Vielleicht liebt er sie aber auch wirklich alle: Den, der immer zu spät kommt. Den, der ständig seinen Text vergisst. Den, der am euphorischsten tanzt. Den, der auf jedem Festival verloren geht, den, der die meisten Töne trifft und den, der immer früh nach Hause will. "Es ist wie in jeder Band“, sagt Christian. "Wir sind zusammen gewachsen. Mit bestimmten Leuten geht man gerne aus, mit andern Leuten vielleicht nicht so gerne.“ Sebi und Ernesto jedenfalls gehen sehr gerne zusammen aus. Besonders gut fanden sie den Abend auf einem Konzert von Fettes Brot. 

Mittlerweile ist es auf dem Festivalgelände dunkel geworden. Zwei aufgekratzte Mädels kommen in den Backstagebereich hinter die Bühne. Sie wollen Autogramme auf die neue CD. Hoss tauscht Zigarillo gegen Stift und die pünktliche Abfahrt scheint für einen Moment vergessen.

Auch 2016 sind Station 17 wieder unterwegs, die aktuellen Termine findet ihr hier.

Text und Audio-Reportage: Elisabeth Weydt