Vorurteilsfrei? Von wegen!

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Gerade in der Schule wachsen Vorurteile ziemlich gut. Wir haben einen ehemaligen Hauptschüler und eine angehende Lehrerin gefragt, wie sie Vorurteile erleben. Und warum ein Projekt, das beide verbindet, für mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem sorgen will.

© suze / photocase.de

Bildung für alle - klingt logisch! Wenn da die Vorurteile nicht wären: Im Kleinen können sie dafür sorgen, dass wir die Nachbarklasse doof finden. Im Großen aber bewirken Vorurteile, dass wir Menschen schnell abstempeln. Wenn das im Bildungssystem passiert, dann bekommen nicht alle die selben Chancen.


Was Vorurteile anrichten können, musste Eicke früh lernen. „In der Grundschule wurde ich jahrelang gemobbt“, erinnert sich der 21-Jährige. Warum, weiß er bis heute nicht. Und im Grunde ist es auch egal. Nicht egal ist hingegen, dass Eike keine Hilfe fand. „Den Lehrern“, schildert er, „war ich egal“.

Vorurteile gibt es praktisch überall, auch in der Schule: „Lehrer sind doof!“ oder „In der 9b sind alle anstrengend!“. Oder welches Bild läuft ab im Kopf, wenn man von „den Gymnasiasten“ oder „den Hauptschülern“ spricht? Streber auf der einen und Nichtskönner auf der anderen Seite?

Hauptschüler können mehr

© privat

Eicke denkt gern an seine Hauptschulzeit.

Bei Eicke sollte sich alles auf der Hauptschule ändern. Als er von der Grundschule auf die Amelia-Earhart-Oberschule in Berlin wechselt, findet er schnell Freunde. Auch zu manchem Lehrer entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Und dann gab es noch eine Gruppe von Studierenden, die ihm und seiner Klasse bei der Vorbereitung auf den Schulabschluss half.

"Meine Zukunft jetzt!“, so der Name ihres Projekts, hat vor allem ein Ziel: Den Hauptschülern klarmachen, dass sie mehr können, als ihnen eingeredet wird. Dass Studierende über Monate hinweg zum gemeinsamen Büffeln in seine Schule kamen, hat Eicke beeindruckt. Man traf sich immer auf Augenhöhe, nie kam einer besserwisserisch daher. "Die Referendare davor sind kläglich gescheitert, weil sie nicht auf uns Schüler eingegangen sind.“
Mittlerweile engagiert sich die Initiative aus Studierenden in einem eigenen Verein: "Was bildet ihr uns ein?“. Neben dem Engagement in Schulen organisieren sie öffentliche Aktionen, diskutieren mit Politikern über das, was ihrer Meinung nach falsch läuft im Bildungssystem: denn auch das macht Unterschiede.

Vorurteile im Bildungssystem

Vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund wird der Weg durch die Institutionen immer noch ziemlich schwer gemacht. "Für sie vergeht kaum ein Tag, an dem ihnen nicht hartnäckige Vorurteile begegnen“, sagt Myoung-Le. Die 27-jährige Lehramtsreferendarin setzt sich im Verein dafür ein, dass sich das ändert – eine "Bildungsrevolution" muss her.

@ Bettina Malter

Engagiert für die Bildung

Wie kann man Schule und Studium gerechter gestalten?, fragt der Verein aus jungen Leuten "Was bildet ihr uns ein?". Ihnen geht es nicht nur um die Vorurteile im Kleinen, sondern um die großen Unterschiede, die das Bildungssystem macht. Sie sagen: Viele werden benachteilitgt, ihnen wird das Weiterkommen schwer gemacht. Was sie wollen: mehr Demokratie und die gleichen Chancen, weiterzukommen. Egal, woher man kommt.

Im Bildungsblog des Vereins stöbern

Myoung-Le – aus Braunschweig

Mit Vorurteilen kennt sie sich aus. "Ich kann oft keine Unterhaltung mit fremden Menschen führen, ohne sofort gefragt zu werden, wo ich denn tatsächlich herkomme“. Die Antwort, dass sie aus Braunschweig stammt und in Berlin wohnt, genügt selten.

© Christa Roth

Myoung will als Lehrerin nicht wegsehen.

Sie weiß aber auch: Sich gegen Vorurteile zu stellen, bedeutet nicht, dass man selbst unvoreigenommen ist. Auch Myoung-Le ertappt sich hin und wieder dabei, wie sie in ihr eigenes Schubladendenken zurückfällt. Offenheit erfordert auch Arbeit. In der Vereinsarbeit genauso wie in der Schule muss man sich immer wieder mit unterschiedlichen Perspektiven und Argumenten auseinandersetzen: "Man ist nie frei von Schubladen. Egal, für wie sensibilisiert man sich hält. Man muss sich und seine Einstellungen immer wieder selbst hinterfragen.“

Als Lehrerin, hat sich Myoung-Le vorgenommen, will sie Vorurteile ihrer Schüler nicht einfach stehen lassen, sondern sofort darüber diskutieren. "Das ist ja megaschwul!“, sagen schließlich auch Schüler, die eigentlich nichts gegen Schwule haben. Für Myoung-Le bleibt der Satz – egal, von wem er kommt und wie er gemeint ist – komplett daneben. Genauso wie die Reaktion mancher Kollegen, die vorgeben, nichts gehört zu haben. Sie will sich für solche Situationen wappnen und hat in einem Workshop gelernt, wie man im Leben und Beruf damit umgehen kann.

Eicke, du Türke!

Genau wie Myoung-Le hat Eicke durch das Projekt erfahren, dass es gut tut, offener zu sein. Auch in seinem jetzigen Beruf als Parkettleger bemerkt er, welche Chancen sich daraus ergeben: etwa in der Zusammenarbeit mit seinem Lehrling aus Namibia. Nicht Herkunft, sondern die Einsatzbereitschaft zählt für Eicke. "Du musst deinem Ausbilder halt zeigen, was du kannst." Und wenn ihn mal wieder jemand wegen seiner dichten, schwarzen Haare als Türke bezeichnet? "Das ist mir mittlerweile egal“, sagt er. "Die Leute können von mir denken, was sie wollen.“  

Dumm und faul – der schlechte Ruf, mit dem Hauptschüler zu kämpfen haben, macht Eicke heute nichts mehr aus. Er weiß, dass das Quatsch ist und solche Vorurteile gemein sind und oft nicht stimmen. Jetzt muss das eigentlich nur noch im Bildungssystem ankommen.

 


Text: Christa Roth