Wir schwimmen alle im gleichen Becken

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Blind, mit einem Unterschenkel weniger oder supernormal. Das ist völlig egal: Rein ins Wasser und schwimmen, was das Zeug hält - das zählt beim "Wettkampf der Vielfalt“. 

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Nils kann im ersten Moment gar nicht glauben, was sein Freund Emilio sagt: Nein, kein Profisportler sei sein Vorbild, sondern: "Du bist mein Vorbild - weil du gut schwimmen kannst.“ Dann legt er seinen Arm um Nils Schulter.

Emilio ist zehn Jahre alt und blind. Nils ist zwölf und hat eine Muskelerkrankung – zusammen sind sie ziemlich beste Freunde. Das sieht man sofort. Und sie sind Schwimmer: Die beiden Jungs aus Potsdam treten gemeinsam beim "Wettkampf der Vielfalt“ in Neumünster an. Zusammen mit fast 200 Sportlern aus ganz Deutschland. 

Eine Punkteformel macht Schwimmzeiten vergleichbar

Im Freibad am Stadtwald kraulen Menschen mit Körperbehinderung, Sehbehinderung, geistiger oder Lernbehinderung gegeneinander an. Und nicht nur das: Auch Sportler ohne Behinderung schwimmen mit. "Letztes Jahr hat ein Junge mit verkürztem Arm vor mir angeschlagen“, erzählt Guido Schwartze, einer der nichtbehinderten Schwimmer, der das Event mit organisiert. Möglich ist der Teilnehmermix durch eine ausgeklügelte Bewertung: Erster am Beckenrand bedeutet hier nicht automatisch Platz eins auf dem Podium. Eine Formel wandelt jede Schwimmzeit unter Berücksichtigung der (Behinderten-)Startklasse im Verhältnis zum jeweils geltenden Weltrekord in eine Punktzahl um. 

© Audivis/Matthias Gerlach
© David Hock

Als Freunde zum Beckenrand, dann ab ins Wasser

Am Beckenrand unterstützt Nils seinen blinden Kumpel Emilio: "Ich zeige ihm vor dem Start, wo seine Bahn ist“, erklärt er. Im Wasser kämpft jeder alleine. Emilio schwimmt ganz am Rand seiner Bahn: "Ich orientiere mich meistens an der Leine.“ Die Reibung dabei bremse ihn nicht aus, "außer bei solchen doofen, harten Wettkampfleinen. Da halte ich Abstand.“ Etwas ungewöhnlich ist das Signal für den Endspurt – Emilio bekommt eine Art Klaps auf den Kopf; mit einem Stab wird ihm damit von außen signalisiert, dass er sich dem Beckenrand nähert.

Nils ist auf derartige Hilfsmittel nicht angewiesen: "Aber Brust und Schmetterling sind ziemlich kraftaufwendig, da bin ich nicht so gut“, sagt er. Aufgrund seiner Krankheit kann er schwerer Muskeln aufbauen. "Ich darf es nicht übertreiben“, sagt er. Emilio hingegen fällt Brustschwimmen leicht, sagt er. Auf die Sportart sind beide übers Schultraining gekommen. Während Nils sofort begeistert war, wollte Emilio nach der ersten Stunde aufhören: "Ich fand die Lehrerin doof.“ Doch im jetzigen Verein mag er Trainer und Mannschaft. Und er sieht Nils bei jedem Training wieder. Die beiden Freunde waren vor dem Wettkampf auch Zimmergenossen in der Jugendherberge. "Emilio ist schon ganz schön selbständig, er hat heute Morgen sogar das Bett alleine abgezogen“, erzählt Nils. "Wir haben das gegenseitig für den anderen gemacht“, ergänzt Emilio.

© David Hock

Mit dem Herzen dabei - die Schirmherrinnen des Wettkampfes

Im Schwimmwettkampf ruht die Freundschaft für ein paar Minuten. Hier fightet jeder und jede einzelne für sich selbst. Wie sich welche Einschränkung auf die Schwimmtechnik auswirkt, ist für die Zuschauer kaum relevant. Sie erkennen vor allem den von Ehrgeiz geprägten Gesichtsausdruck, der immer wieder aus dem Wasser auftaucht. 

Unter den Zuschauern befinden sich übrigens auch Britta Steffen und Kristin Bruhn, die Olympia- und Paralympicsiegerin von Peking – gemeinsam sind sie Schirmherrinnen der Veranstaltung.

Für Emilio und Nils war auch die prominente Unterstützung ein zusätzlicher Ansporn. Aber Schwimmvorbild, das sind sie selber. Und das werden sie bestimmt auch weiter bleiben: Emilio landet mit seiner Punktzahl auf 50 Meter Rücken auf Platz eins. Auch Nils wird in gleicher Disziplin Erster. Wie das geht? Sie sind in unterschiedlichen Altersklassen angetreten, haben den anderen in seinem Rennen angefeuert – und nehmen am Ende beide ihre eigene Medaille mit nach Hause.


Text: David Hock

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