Junge, Mädchen und so – Wie viele Geschlechter gibt es?

Schlagworte:
Perspektivwechsel,
Gender

Wer sich heute bei Facebook anmeldet, kann zwischen 60 Geschlechtsoptionen wählen. Denn es gibt mehr als nur "weiblich" und "männlich". Was verbirgt sich hinter Transgender, Transsexuell und Intersexuell?

© john krempl / photocase.de

Wir sortieren gerne unsere Umwelt. Zum Beispiel in Männer und Frauen. Zeit, zu verstehen, dass es nicht immer fest betonierte Geschlechterkategorien gibt.

Beziehungsstatus, Schulabschluss, Heimatort. Bei Facebook können wir alle möglichen Infos über unser Leben angeben, natürlich auch unser Geschlecht: Seit einem Jahr könnt ihr hier jetzt aus einer Liste von 60 Geschlechtsoptionen auswählen. Da gibt es Begriffe wie "zweigeschlechtlich“, "transsexuell“, "androgyn“ und "intersexuell“ (Einige der Begriffe erklärt dieses Lexikon).

Aber keine Panik, auch "männlich" oder "weiblich" gibt es. Aber eben nicht nur. Für manche Menschen ist die Entscheidung nicht so einfach, weil sie nicht sicher sagen können oder wollen, welches Geschlecht sie haben oder sich zu keiner Kategorie zugehörig führen. Was auf den ersten Blick kompliziert klingt, ist für sie sehr wichtig: Es ist Teil ihrer Identität. "Eine größere Vielfalt ist besser als der vorherige Zwang, sich als 'Mann' oder 'Frau' einordnen zu müssen", sagt der 36-jährige Anson Koch-Rein zur Facebook Aktion. Er ist selbst transsexuell. Er ist ein Mann, der als Mädchen erzogen wurde. Dazu aber gleich mehr.

Junge oder Mädchen. Damit ist doch alles klar, oder?

Nicht ganz. Denn es gibt Menschen, die sich nicht als "Mann“ oder "Frau“ bezeichnen. In ihren Augen gibt es einen Unterschied zwischen dem biologischen Geschlecht, das durch die Geschlechtsmerkmale festgelegt ist, und dem sozialen Geschlecht. Sie sagen, dass die Grenzen zwischen Männern und Frauen fließend sind. Das Geschlecht ist demnach nicht von Geburt an festgelegt, sondern wird von der Gesellschaft konstruiert. Jungs sind also nicht nur anders als Mädchen, weil sie einen anderen Körper haben, sondern weil sie anders erzogen und behandelt werden. Jungs bekommen zum Beispiel im Durchschnitt mehr Taschengeld als Mädchen. Frauen verdienen später im Beruf oft weniger als Männer. Und dann geht es um noch etwas anderes:

Gibt es so etwas wie ein Zwischengeschlecht?

Schaut man durch die Biologen-Brille Richtung Tierwelt, kann man beobachten: Manche Tiere haben kein Geschlecht. Regenwürmer zum Beispiel sind "Zwitter". Auch bei Menschen kommt es vor, dass das biologische Geschlecht nicht eindeutig ist. Man schätzt, dass ungefähr eines von 4.500 Neugeborenen körperlich nicht klar Junge oder Mädchen ist. 

© Terrorkind / photocase.de

Nach Schätzungen sind etwa 100.000 Menschen in Deutschland intersexuell oder intergeschlechtlich. So lautet der korrekte Begriff für das Phänomen, von "Zwitter" spricht man heute nicht mehr. Eher noch könnte man vom "dritten Geschlecht" sprechen. Im Gegensatz zu Ländern wie Indien oder Nepal, muss in Deutschland im Ausweis aber immer noch "männlich" oder "weiblich" stehen. Aktivisten kämpfen schon lange dafür, dass sich das ändert. Früher war es zudem oft so, dass Kinder direkt nach der Geburt operiert wurden – je nachdem welches Geschlecht medizinisch näher lag. Diese Sofort-Operationen im Kindesalter werden heute in Deutschland nicht mehr häufig vorgenommen. Erst kürzlich hat der Europarat gefordert, diese Praxis in ganz Europa zu verbieten. Mittlerweile ist es in Deutschland übrigens erlaubt, dass Eltern, die ein intersexuelles Kind bekommen, es offiziell nicht als Junge oder Mädchen ins Geburtenregister eintragen lassen müssen.

Andere wachsen als Junge oder Mädchen auf und fühlen sich auch so. So zum Beispiel die indische Sprinterin Dutee Chand, die schon immer ganz Frau war. Da bei ihr ein erhöhter Testosteronspiegel festgestellt wurde, darf sie nicht mehr als Frau starten. Eine Geschichte, die zeigt, wie problematisch das Thema wird, wenn man es auf Hormone, Chromosomen und Biologie reduziert.

Wie Intersexualität biologisch zu erklären ist, dazu gibt viele Möglichkeiten. Gut zusammengefasst haben das die Jungs von "Was Geht Ab!?" in diesem Video:


Und was sind dann Transsexuelle, Transvestiten und Drag-Queens und -Kings?

Während es bei der Intersexualität um das biologische Geschlecht (also den Körper) geht, geht es bei Transsexualität darum, als was man sich empfindet. Transsexuelle Menschen entdecken irgendwann, dass sie "im falschen Körper“ sind. Viele fühlen sich so unwohl mit ihrer Geschlechtseinordnung, dass sie daran etwas ändern. Sie können ihr Geschlecht durch eine Operation angleichen lassen.

© praszkiewicz / Shutterstock.com

Künstlerin Conchita Wurst auf der Bühne.

Es gibt viele junge Menschen, die schon früh merken, dass sie transsexuell sind. Zum Beispiel der 14-jährige Sohn von Sänger R. Kelly, der als Mädchen aufgewachsen ist und seit einem Jahr als Junge lebt. Es gibt auch eine Reihe von transsexuellen weiblichen Models, zum Beispiel Andreja Pejic oder die 14-jährige Jazz Jennings.

Mit Transvestiten oder Travestiekünstlern hat das nichts zu tun. Denn die verkleiden sich zwar als das andere Geschlecht, fühlen sich aber sehr wohl in ihrem Körper. Die Sängerin und Kunstfigur Conchita Wurst zum Beispiel, die als Frau mit Bart auftritt. Sie ist eigentlich ein Mann, aber auf der Bühne schminkt sie sich, setzt sich eine Perücke auf und trägt Kleider. Sie ist eine Travestie-Künstlerin oder auch Drag-Queen genannt.

Was soll das alles?

Es ist schon spannend, sich mal zu fragen, ob das biologische Geschlecht wirklich so wichtig ist. Warum wird ein Mädchen, das Fußball spielt, manchmal komisch angeguckt, genauso wie ein Junge, der Ballett gern mag? Noch krassere Reaktionen bekommen manchmal Trans- und Intersexuelle. Sie werden in der Schule oft gemobbt und nicht selten kommen auch ihre Eltern nicht damit klar.  Denn viele Menschen wissen nur wenig über das Thema, und was sie nicht verstehen, mögen sie häufig nicht. Dabei entscheidet sich niemand dazu, inter- oder transsexuell zu sein. Und nur weil man anders ist, ist man nicht falsch.

Dafür braucht es Vorreiter. Aktuell zum Beispiel Caitlyn Jenner, Stiefvater von US-Star Kim Kardashian, sie hat im Sommer erklärt, dass sie transgender ist. Früher hieß sie Bruce, wurde als Junge aufgezogen und trat sogar als Mann bei den Olympischen Spielen an. Heute ist sie das Titelmodel der US-Zeitschrift "Vanity Fair“ und wird für ihre Offenheit gefeiert.

Sich mit Respekt begegnen

Dass Facebook jetzt mehr Geschlechter zulässt, als nur "Mann" und "Frau", ist neben solch positiven Beispielen auch ein wichtiger Schritt. Es ist doch egal, welches Geschlecht wir haben, Hauptsache wir fühlen uns wohl und werden mit Respekt behandelt, so wie wir sind.


Mehr Infos zu diesem Thema gibt es hier:

Lambda
Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität


Text: Paul Wrusch

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.